Die Verschlimmbesserung der Welt


Klimakrise Die Häufung von Extremwetterlagen in Europa und die unerwartet starken Temperatursteigerungen in den letzten beiden Jahren sind mit größerer Wahrscheinlichkeit auf eine gut gemeinte Regulierung von Schiffstreibstoffen zurückzuführen als auf mangelnde Regulierung des CO2-Ausstoßes. Diese Anekdote lässt einige Schlüsse zu, wie die gesellschaftliche Reaktion auf Probleme des Anthropozän eigentlich aussehen sollte und was die Zukunft bereithalten wird, weil die gesellschaftliche Reaktion anders ausfallen wird

Die die Welt nicht bessern
können aber möchten
mit viel zu kurzen Messern
in viel zu langen Nächten

Gerhard Gundermann, Ich mache meinen Frieden

Was geschehen ist

Seit dem Aufkommen des Internets hat die Menge leicht verfügbarer, aber widersprüchlicher Information rasant zugenommen. Das und der beschleunigte Meinungsaustausch über soziale Medien haben das gesellschaftliche Klima schneller überhitzt als der Treibhauseffekt es mit dem Weltklima getan hat. Inzwischen ist es dadurch sehr schwierig geworden, die Zuverlässigkeit von Information einzuschätzen. Parallel dazu wird auf vielen Gebieten immer mehr gemessen oder befragt. Dadurch werden Effekte neu aufgefunden. Ob sie allerdings wirklich neu auftreten oder nur neuerdings Aufmerksamkeit erlangen und ob die scheinbaren Veränderungen auch reale sind, ist häufig nicht sicher feststellbar. Dass allerdings 2023 und 2024 in Deutschland und der Schweiz ungewöhnlich warme Jahre mit ungewöhnlich vielen Extremwetterereignissen waren, dürfte unstrittig sein.

Deartige Wetterereignisse in Beziehung mit langfristigen Trends zu setzen, ist auf dem gegenwärtigen Stand der Modellierung von Wetter und Klima nicht möglich. Wettervorhersagemodelle und Klimamodelle haben keine gemeinsame Basis. Unstrittig ist dennoch, dass der Temperaturanstieg 2023 besonders in Europa weit oberhalb der Erwartung aus den meisten Klimamodellen lag. Daraus kann man nicht ohne Weiteres schließen, dass der langfristige Trend zu höheren Temperaturen stärker ist als von den Klimamodellen vorhergesagt. Es gibt aber Anlass, diese Frage zu untersuchen.

Eine derartige Untersuchung ist am 30. Mai 2024 in «Communications Earth & Environment» veröffentlicht worden. Diese Zeitschrift der «Nature»-Gruppe ist qualitativ gut. Die Autoren arbeiten an Institutionen, die auf diesem Gebiet führend sind. Alle Daten, die für die Modellrechnungen verwendet wurden, sind öffentlich zugänglich. Sie stammen aus Messreihen der NASA. Das verwendete GEOS-GOCART Modell für die Bildung von Aerosolen (was das ist, erkläre ich später), stammt ebenfalls von der NASA. Seine Vorhersagefähigkeit ist in anderen Zusammenhängen eingehend getestet worden. Auch die anderen verwendeten Modelle sind als robust bekannt. Die Autoren haben den Programmcode öffentlich gemacht, mit dem sie aus den Eingangsdaten und den Modellen zu ihren Resultaten gekommen sind. Ihr Vorgehen haben sie für Naturwissenschaftler verständlich beschrieben. Sie diskutieren Unsicherheiten ihrer Resultate und Schlussfolgerungen im Detail. Ich begutachte regelmäßig Manuskripte für naturwissenschaftliche Veröffentlichungen und traue mir daher ein Urteil über die Qualität dieser Studie und ihrer Beschreibung zu. Diese Qualität ist weit überdurchschnittlich.

Die Autoren haben die Hypothese getestet, ob eine am 1. Januar 2020 in Kraft getretene Regulierung der «International Maritime Organization« (IMO) zur Verringerung des Schwefelgehalts von Schiffstreibstoffen problematisch war. Genauer gesagt, stellen sie die Frage, ob dadurch unbeabsichtigt Wolkenbildungsmuster verändert und in der Folge ein stärkerer Temperaturanstieg des Planeten erzeugt wurde.

Diese Hypothese war nicht aus der Luft gegriffen. Die NASA wusste, dass es über Schifffahrtsrouten andere Wolkenmuster gibt als anderswo. Sie hatte nach 2020 im Südatlantik auffällige Veränderungen bemerkt. Die Ergebnisse der Modellrechnungen stützen die Hypothese und quantifizieren den Effekt. Er fällt so stark aus, dass ich mich frage, warum die Studie nicht im Wissenschaftsmagazin «Nature« erschienen ist, wo sie hingehört hätte. Der Effekt erklärt 80% der Erhöhung der Wärmeaufnahme der Erde seit 2020. Das ist eine Nachricht von riesiger Bedeutung. Mit anderen Worten hat diese Entscheidung zu einem viermal so hohen zusätzlichen Temperaturanstieg geführt, wie die Zunahme der CO2-Emissionen im gleichen Zeitraum.

Diese Temperaturerhöhung durch eine sauberere Atmosphäre ist zudem qualitativ verschieden von derjenigen durch einen höheren CO2-Gehalt. Das liegt daran, dass Wolkenbildung ein lokales Phänomen ist und dass die Schifffahrtsrouten sehr ungleichmäßig verteilt sind. Auf der Nordhalbkugel findet viel mehr internationaler Schiffstransport statt. Zudem waren auf der Nordhalbkugel durch vorhergehende Umweltregulierungen andere aerosolbildende Stoffe in der Atmosphäre bereits stark reduziert worden. Der Anteil von Schwefeldioxid (SO2) aus Schiffsabgasen an der Wolkenbildung war daher auf der Nordhalbkugel sehr viel größer. Entsprechend erhöht sich hier auch die Strahlungsaufnahme durch die Regulierung der IMO von 2020 sehr viel stärker. Dieser Kontrast wiederum führt zu einer Veränderung der Niederschlagsmuster. Wenn Sie in letzter Zeit Wasser im Keller oder in der Wohnung hatten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sauberer Schiffstreibstoff die Ursache war.

Die IMO werden Sie deshalb nicht verklagen können. Das dürfte selbst in den USA unmöglich sein, wo deratige Klagen üblicher und erfolgreicher sind. Dass das Wasser in Ihrer Wohnung auf die IMO-Regulierung zurückzugführen ist, lässt sich nicht hinreichend sicher beweisen. Das Gleiche gilt allerdings für alle Malaisen, die dem menschengemachten Klimawandel durch mehr CO2 zugeschrieben werden. Im letzteren Fall gilt das gleiche Argument allerdings als moralisch bösartig und wer es anbringt, gilt als «Klimawandelleugner».

Die Wissenschaftler, von denen die hier diskutierte Studie stammt, sind keine Klimawandelleugner. Das stellen sie bereits in den ersten Zeilen klar. Sie haben nur festgestellt, dass es seit dem 1. Januar 2020 einen Effekt gibt, der sehr viel stärker zum Temperaturanstieg des Planeten beiträgt als der CO2-Anstieg. Auf welchem Niveau sich das einpegeln wird und ab wann CO2 wieder den größeren Effekt haben wird, lässt sich derzeit noch nicht vorhersagen. In jedem Fall war die Regulierung des maximalen Schwefelgehalts von Schiffstreibstoffen durch die IMO 2020 ein unbeabsichtigtes Geoengineering-Experiment großen Ausmaßes. Dieses Experiment hatte einen sehr ungünstigen Ausgang.

Kann man das reparieren?

Wenn man nicht länger nachdenkt, scheint die einfachste Lösung zu sein, zu den Schiffstreibstoffen von vor 2020 zurückzukehren. Aus mehreren Gründen ist das keine gute Idee. Erstens wird das nicht einfach dadurch geschehen, dass die IMO ihre Regulierung zurücknimmt. Die Investitionen in sauberere Treibstoffe sind getätigt worden. Das umgestellte System läuft für die Schiffseigner und Treibstoffproduzenten gut. Eine Rückkehr würde Geld kosten. Sie würde daher nur dann in großem Maßstab stattfinden, wenn die IMO nunmehr einen Mindestschwefelgehalt im Schiffstreibstoff vorschreiben würde. Das ist weder politisch durchsetzbar, noch dürfte es vor Gericht zu verteidigen sein.

Es ist auch jenseits ideologischer Vorbehalte gegen eine absichtliche Luftverschmutzung unklar, ob das Ergebnis vorteilhaft wäre. Man hat dem System einen Schock versetzt. Wenn man ihm jetzt einen zweiten Schock in entgegengesetzte Richtung versetzen würde, wäre eine Rückkehr zum status quo ante nicht garantiert. Hätte man Pech, so würde man mit noch größeren Turbulenzen konfrontiert.

Mit dem Ergebnis dieses unbeabsichtigten Geoengineering-Experiments wird man leben müssen – und man wird auch damit leben können. Der Mensch muss sich an die Umweltveränderungen anpassen, die er ins Werk gesetzt hat. Dieses Argument gilt freilich ebenso für den Temperaturanstieg durch mehr CO2 in der Atmosphäre. Wenn etwas schlecht läuft, sollte man an Umsteuern denken. Hastiges Umsteuern geht aber selten gut aus. Im Anthropozän haben unsere Entscheidungen einen Einfluss auf den ganzen Planeten. Wir sollten sie nicht unüberlegt treffen.

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Die Autoren diskutieren vorsichtig, was ihre Ergebnisse für absichtliche Geoengineering-Experimente zur Aerosolbildung bedeuten. Die Idee solcher Experimente ist, Stoffe in die Atmosphäre einzubringen, die sehr fein verteilte Flüssigkeitströpfchen oder Feststoffpartikel bilden. An denen kondensiert dann Wasser aus der Atmosphäre. So entstehen zusätzliche Wolken. Bei Einsatz geeigneter Stoffe sind diese Wolken weiß, reflektieren also Licht. Ihre Oberseite reflektiert daher Sonnenstrahlung zurück ins All. Dadurch nimmt die Erde weniger Wärme auf.

In dieser Hinsicht ist Schwefeldioxid aus schmutzigen Schiffstreibstoffen ein geeigneter Stoff. Die Autoren schreiben, dass derzeit nicht klar sei, welche anderen Stoffe man nehmen solle und dass die Ergebnisse schwer vorhersagbar seien. Ich persönlich würde dringend von solchen Experimenten abraten. Sie sind übrigens, wie die Autoren erklären, bereits reguliert und dürfen nur in sehr kleinem Maßstab stattfinden. Aus meiner Sicht ist fraglich, ob sich die Ergebnisse innert nützlicher Frist so weit «hochskalieren» lassen, dass man mit gutem Gewissen versuchen könnte, auf diese Weise den Temperaturanstieg zu begrenzen.

Abgesehen davon ist unklar, ob ein wärmerer Planet nach einer Übergangsphase netto besser oder schlechter wäre als der aus biochemischer Sicht kalte Planet, auf dem wir gerade leben. Die Kosten des Klimawandels, die gegenwärtig auftreten oder vorhersagbar sind, sind fast vollständig Anpassungskosten. Die gegenwärtig vorhersagbaren Vorteile sind bleibende Vorteile. Langfristig gesehen könnte der Klimawandel für die Menschheit ein günstiges Ereignis sein, selbst wenn für einige Generationen die Anpassungskosten höher ausfallen als die Vorteile. Wir können das derzeit nicht mit hinreichender Zuverlässigkeit vorhersagen.

Was wir allerdings wissen, ist, dass die Anpassungskosten ausfallen, wenn sich etwas sehr schnell ändert. Es kann deher sinnvoll sein, das Tempo des Temperaturanstiegs zu begrenzen. In dieser Hinsicht war die Regulierung der IMO 2020 besonders verhängnisvoll, weil sie den Temperaturanstieg zumindest für einige Jahre stark beschleunigt hat. Die IMO hat es gut gemeint. Dass die Nebenwirkungen so stark ausfallen würden, konnte sie nich wissen. Der Fall zeigt allerdings, dass nicht alles, was gut gemeint ist, dann auch gut herauskommt.

Warum haben Sie davon noch nicht gehört?

Die Klimawandel-Diskussion ist derzeit allgegenwärtig und stark überhitzt. Angesichts dessen hätten die hier diskutierten Studie auf allen Sendern und Webseiten ein Topthema sein müssen. Das Wissenschaftsmagazin «Nature» hätte ihnen eine Titelseite widmen sollen. Das ist nicht geschehen. Vielmehr diskutieren Wissenschaftsjournalisten und politische Kommentatoren die extremen Regenfälle der letzten Wochen völlig im Narrativ der CO2-Emissionen, ohne die fehlenden SO2-Emissionen durch saubereren Schiffstreibstoff auch nur zu erwähnen. Die öffentliche Diskussion entspricht nicht dem aktuellen Wissensstand.

Immerhin muss man einem deutschen Qualitätsmedium zugestehen, die Publikation frühzeitig aufgegriffen zu haben. «Die Zeit» hat sie am Tag ihres Erscheinens diskutiert, Philip-Johann Moser sei Dank. Tage später berichteten «Der Merkur», die «Frankfurter Rundschau», das «ZDF» und «Die Welt». In keinem der Fälle wurde die Studie an so prominenter Stelle diskutiert, wie das gewöhnlich beim CO2-induzierten Klimawandel der Fall ist. Beim «ZDF» war es ein einziger Satz in einem Beitrag mit ganz anderer Botschaft. Aus diesem Satz lässt sich auch nicht entnehmen, wie groß der Effekt ist. Was die Wissenschaftsseiten der Qualitätsmedien angeht, gilt im Übrigen Rainald Grebes Diktum: «Es gibt höhere Töchter und das Abo der ZEIT, doch die Masse macht’s und die Masse ist breit.»

Dysfunktionale Wissenschaftsmagazine

Dsas die Studie in den Medien unter «ferner liefen» abgehandelt wurde, hat auch damit zu tun, dass sie eben nicht in «Nature» abgedruckt wurde. Die Autoren hatten eine «Nature-Story». Sie werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zuerst bei «Nature» eingereicht haben, weil das mehr Reputationsgewinn und eine bessere Sichtbarkeit der Ergebnisse verspricht.

Bei «Nature» filtern die Herausgeber die Manuskripte danach, was sie selbst für wichtig halten. Je nach Fachgebiet werden zwischen 10 und 30% der Manuskripte werden abgelehnt, ohne dass sie überhaupt an Gutachter geschickt werden. In solchen Fällen bieten die Herausgeber häufig an, das Manuskript an eine spezialisierte und daher weniger gut sichtbare Zeitschrift der «Nature»-Gruppe weiterzureichen. «Communications Earth & Environment» ist eine dieser Zeitschriften. Die Entscheidung war ein Abstieg in die 3. Liga, nicht in die 2. Liga, die der breiter angelegten Zeitschrift «Nature Communications» entspricht.

Vielleicht hat der Herausgeber das Manuskript tatsächlich ohne Gutachten tiefer eingestuft. Vielleicht hat er es auch an Gutachter geschickt, die es dann nicht in «Nature» veröffentlicht sehen wollten und der Herausgeber hat das akzeptiert. In jedem Fall hat er seinen Job nicht gemacht – oder die gute Sichtbarmachung hochwichtiger und wissenschaftlich solider Studien ist nicht Teil seiner Jobbeschreibung.

Derartige Entscheidungen fallen bei den Wissenschaftsmagazinen «Nature» und «Science» selten nach wissenschaftlichen Kriterien. Sie berücksichtigen vor allem, was die gegenwärtigen Modegebiete sind und wie die wissenschaftspolitischen Machtkonstellationen liegen. Die Herausgeber streiten das natürlich ab, vielleicht sind sie auc h nicht reflektiert genug, um es zu bemeren.

Ich denke, ich kann das einschätzen, weil ich selbst bereits in «Nature» und verschiedenen Zeitschriften der «Nature»-Gruppe sowie in «Science Advances» publiziert habe. Ich habe alles schon erlebt: Annahme, Weiterreichen an eine weniger sichtbare Zeitschrift und komplette Ablehnung. Das hatte jeweils wenig mit dem wissenschaftlichen Fortschritt zu tun, den das Manuskript dokumentierte. Diese Entscheidungen korrelierten auch nicht besonders gut damit, wie andere Wissenschaftler die Arbeiten aufnahmen, nachdem sie dann publiziert waren. Im Durchschnitt korrelieren solche Entscheidungen bei «Nature» und «Science» schlecht mit der technischen Qualität der Arbeiten.

Bei wissenschaftlichen Publikationen gibt es keine Zensur. Jede Studie kommt irgendwo unter. Wir leben allerdings in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Das Werturteil der Herausgeber spielt eine große Rolle dafür, wie viele Leser eine Publikation findet und ob sie in anderen Medien Beachtung findet. Die Wissenschaftsmagazine agieren so als Verstärker der Meinungen ihrer Herausgeber über die relative Wichtigkeit und Unwichtigkeit von Erkenntnissen. Das behindert den Fortschritt, der allemal darin besteht, etablierte Sichtweisen in Frage zu stellen und zu ersetzen.

Warum schreibe ich darüber?

Dieser Blogbeitrag wird mich bei einigen Leuten, auf die es ankommt, nicht beliebter machen. Zum Glück ist die Reichweite meines Blogs so gering, dass die meisten dieser Leute nie davon erfahren werden. Ich finde allerdings auch, dass die Diskussion wissenschaftlicher Ergebnisse in der Öffentlichkeit kein Beliebtheitswettbewerb ist.

Wenn eine Untersuchung ein gängiges Narrativ in Frage stellt, ist es intellektuell unredlich und gesellschaftlich schädlich, sie de facto zu ignorieren. Nach dem Erscheinen der Studie «Abrupter Rückgang der Schiffsemissionen als versehentliches Geo-Engineering – Beendigungsschock erzeugt erhebliche Strahlungserwärmung» müssten bestimmte Sachverhalte anders als bisher diskutiert werden. Das ist bisher nicht geschehen und es wird auch nicht geschehen. Das Beharrungsvermögen ideologischer Positionen ist groß. Für das Anthropozän ist es zu groß. Bei dem Einfluss, den wir haben, müssten wir reflektierter handeln.

Aus der Studie sollte man schließen, dass abrupte Änderungen einer etablierten Praxis erhebliche unerwartete Nebenwirkungen haben können. Das sollte man vor einer Entscheidung in Betracht ziehen. Weil man dabei nicht an alles denken kann, sollte man Änderungen behutsam in Gang setzen und die Ergebnisse beobachten. Wir sind derzeit sehr schnell unterwegs und ins Schleudern geraten. Die Menschheit hat kein ABS. Wir sollten langsamer am Lenkrad drehen und weniger heftig bremsen.

Wenn ich solche Ratschläge gebe, entpuppe ich mich selbst als – Weltverbesserer. Wer mich kennt, weiß, dass ich von Weltverbesserern nicht viel halte. Das Eingangszitat von Gundermann verdeutlicht, warum. Damit gerate ich in ein Paradox. Wenn ich selbst die Unzulänglichkeit der Weltverbesserungsversuche mit zu kurzen Messern in zu langen Nächten erkenne, dann aber derartige Vorschläge mache, glaube ich wohl, intelligenter zu sein oder mehr zu wissen als die Andxeren. Drastischer gesagt, scheine ich zu glauben, dass mein Messer lang genug ist.

Das ist eine theologisch unhaltbare Sicht. Gott, wenn es sie gibt, würde darüber nur lachen. Die Sicht ist auch philosophisch unhaltbar, ohne Gott zu bemühen. Die Welt ist sehr komplex. Wir wissen sehr wenig von ihr. Gemessen an dem, was wir wissen müssten, um sie zu steuern, ist der Unterschied zwischen meiner Intelligenz und meinem Wissens auf der einen Seite und der Intelligenz und dem Wissen von Vertretern der «Letzten Generation» auf der anderen Seite nicht so erheblich.

Das Gundermann-Zitat habe ich aus dem Zusammenhang gerissen. Die ganze Strophe lautet:

Ich mache meinen Frieden mit all den Idioten
Die die Welt behüten woll'n, mit ihren linken Pfoten
Mit jedem Samurai, mit jedem Kamikaze
Mit jedem grünen Landei und auch mit jeder Glatze
Die die Welt nicht bessern können, aber möchten
Mit viel zu kurzen Messern in viel zu langen Nächten.
Gerhard Gundermann, Ich mache meinen Frieden

Das sehe ich ein. Ich bin aber noch nicht so weit.


39 Antworten zu “Die Verschlimmbesserung der Welt”

  1. «Spektrum der Wissenschaft» hat das auch am Tag der Veroeffentlichung gebracht. D.h. gehe mal davon aus, dass es sich um diese Studie handelt. (Kann nur den Anriss lesen.) Und unmittelbar nach der Ueberschrift heisst es dann auch:

    «Unbeteiligte Experten sind allerdings skeptisch.»

    «Das sehe ich ein. Ich bin aber noch nicht so weit.»

    Ich fuerchte, dann wird dat auch nix mehr 😉 Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

  2. Vielen Dank für diesen doch relativ tiefen Einblick in den Veröffentlichungsbetrieb von «Nature» und «Science».
    Derartiges wird höchst selten öffentlich diskutiert. Gerade während der Covid-19-Zeit gab es öfter Anlass dazu, doch nie wurde was draus.
    Danke nochmals, auch wenn’s nur in diesem «randständigen» Blog geschieht.

  3. Nun ja, reinen Wein bekommt man nicht eingeschenkt.
    Natürlich ist es wahr, daß das ganze Isolieren, Neubau, Heizungstausch, E-Autos usw eine Masse Abfälle, Energieverbrauch oder CO2 produziert.
    Wie man in der selben Zeit auf Null kommen will ist Unsinn.
    Das wird so nicht publiziert.
    Ebenso nicht, wie der kleine Rest der Welt solchen Beispielen folgen soll. Schlimmer noch, durch unsere Nachfrage wird es für ärmere Länder sogar schwieriger.
    Der Trend ist da, das Ergebnis wird absehbar nicht wie geplant zu erreichen sein.
    Interessiert weniger, da es ja auch um Konsum bzw Industrieförderung geht.
    Die Sache mit Schiffstreibstoff ist schon länger bekannt, wurde auch beim Autodiesel diskutiert bezüglich der Erwärmung von Städten.
    Wie immer, ein Problem gelöst, ein neues geschaffen. Das zieht sich durch viele Bereiche. Zum Beispiel auch bei Geräten. Da gabs eine gute Entwicklung 1950, wurde gestrichen und ein neues Problem kam auf. Als Neuerung nimmt man wieder die Lösung von 1950, läßt dafür wieder spätere Verbesserungen weg.
    Einfach immer wieder neue Kaufanreize setzen, man kann jeden Unsinn verkaufen.

    • «Ebenso nicht, wie der kleine Rest der Welt solchen Beispielen folgen soll.»

      In weniger entwickelten Volkswirtschaften ließe sich mit der gleichen Investitionssumme ein viel höheres CO2-Einsparpotential realisieren. Da es ein globales Problem ist, müsste man die Ressourcen so einsetzen. Das ist aber politisch nicht gewollt – die eigene Industrie soll auf Kosten der eigenen Bürger profitieren.

      • Das würde globales Denken voraussetzen.
        Stattdessen erleben wir eine Materialschlacht, Bürokratie un eine Bevormunung die Widerstände erzeugt.
        Von außen betrachtet sehen Andere, wie schwer man sich tut und zweifelt eher an der Nachahmung im eigenen Land.
        Die Folgen unserer Maßnahmen sin noch nicht sichtbar. Teure Warung unserer Gebäue ie immer mehr mit technischen Lösungen vollgestopft weren, Entsorgungsprobleme der vielen verschiedenen Materialien, Miet-/Kaufpreise.
        Da schlägt natürlich auch die ein oder andere Lobby zu und setzt neue Normen.
        Andere Länder, andere Probleme, andere Interessen.
        Zum Beispiel folgt die Regierung den Interessen der Dämmstoffindustrie, obwohl Studien gezeigt haben, daß ab einer bestimmten Stärke kein Effekt mehr meßbar ist bzw das Verhältnis Material zu Einsparung ungünstig ausfällt.
        Die Verwirrung ist beträchtlich, die Baunormen kaum noch durchschaubar.
        Auch das hat Auswirkungen auf Wahlen.
        Ideologiefreie, ergebnisoffene Untersuchungen würde mehr Klarheit schaffen.

  4. In Baden-Württemberg sind die Grünen (13.8%) bei der Wahl zum EU-Parlament hinter der AfD (14.7%) gelandet. Gewonnen hat die CDU (32%).

    Das Pendel schwingt heftig gegen die Ökobewegung zurück, die den Bogen überspannt hatte.

        • Naja die Freien Demokraten befinden sich gerade im Hoehenflug, nachdem «Alles fuer die Ukraine bis zum Sieg»-Dame Strack-Zimmermann fuer die (FDP und Ukraine) ein Bombenergebnis (wohl um die 5 %) rausgeholt hat.

          • Na ja bei dem ist sowieso 2027 Schluss. Bis dahin bleibt «Jupiter» ja ganz oben. (Vermute nicht, dass der die Putin’schen Tricks auf Lager hat.)

            Achso: «Kamikaze-Ritt» nannte das Juli Zeh. Und bzgl. Deutschland: „Die Idee, jetzt eine Vertrauensfrage und Neuwahlen zu fordern, ist geisteskrank und brandgefährlich.“

            • „Die Idee, jetzt eine Vertrauensfrage und Neuwahlen zu fordern, ist geisteskrank und brandgefährlich.“

              In einer Hinsicht brandgefährlich, weil dann Merz an die Macht käme und im Vergleich zu dessen potentieller Regierung ist die Ampel ein Himmel voller Friedensengel.

              In anderer Hinsicht – die etablierten Parteien werden bis zum regulären Wahltermin wohl kaum Boden gutmachen. Das dürfte übrigens auch Macrons Kalkül gewesen sein: Wählen lassen, ehe Le Pen mit einer absoluten Mehrheit im Parlament rechnen kann.

    • «…Bogen überspannt…»
      Ja, das wird einen großen Einfluß gehabt haben.
      Bei manchen Maßnahmen oder Vorhaben geht es bei immer mehr Bürgern an die Substanz bzw sie verlieren ihre Häuser oder Wohnungen wegen extremer Auflagen.
      Da sie als Partei- mit Abstand – besonders (bei Mitgliedern und Politikern) für mehr Waffen getrommelt haben scheint evtl. auch ein Faktor zu sein.
      Der Hauptgrund wird wohl die Übergriffigkeit gewesen sein, die Gängelung in vielen Lebensbereichen.
      Farbanschläge und die Klimakleber haben sicher auch nicht für Sympathiegewinne gesorgt.

      • Ich denke der Hoehenflug der Gruenen von 2021 hatte verschiedene Faktoren. Am Ende konnte das nur scheitern.

        Die meisten Leute hatten einfach die GroKo satt und wollten aber die Alternative nicht waehlen. Die groesste Waehlerwanderung kam ja von der CDU. 16 Jahre rumgemerkel war halt genug. Das bedeutete aber nicht, dass die nun eine radikal andere Klimapolitik wollten.

        Die wollten aber wiederum die linksgruenen Aktivisten. Die Klimaproteste weltweit (mehr oder weniger) waren gerade auf dem Hoehepunkt. (Deshalb auch ’ne hohe Waehlerwanderung von der «Linken».)

        Da wuchs praktisch von Seiten der Waehler zusammen, was nicht zusammengehoert. Und nun sind alle frustiert. Den einen geht’s zu langsam und bei vielen geht’s so gar nicht.

        Und dann auch noch mit der Kriegspolitik wurden auch den treuesten der treuen Altgruenen und -linken in- und ausserhalb der Partei vor den Kopf gestossen.

        • «Und dann auch noch mit der Kriegspolitik wurden auch den treuesten der treuen Altgruenen und -linken in- und ausserhalb der Partei vor den Kopf gestossen.»

          Meinen Sie wirklich, es gab Anhänger der Grünen, die 1999 (buchstäblich) den Schuss nicht gehört haben?

          Die Grünen sind seit einem Vierteljahrhundert eine militaristische Partei und wes Geistes Kinder Habeck und Baerbock sind, war vor der Bundestagswahl bekannt.

            • Und weil die träge Masse gleich der schweren Masse ist, bewegt sich alles in Richtung der gravitativen Kraft. Die zieht gegenwärtig das ganze Land in Richtung Militarismus. Die Kanonen knospen schon wieder und werden bald zur Blüte gelangen.

              • » Die zieht gegenwärtig das ganze Land in Richtung Militarismus. Die Kanonen knospen schon wieder und werden bald zur Blüte gelangen.»
                Ja, das sieht nicht mal nur so aus, es ist auch so.
                Da kommt schon ein Politiker und sagt, deutsche Soldaten direkt einsetzen.
                Kürzungen wegen Aufrüstung.
                Einführung der Wehrpflicht.
                Na ja, ist ja bekannt.
                Die allgemeine Unruhe und die falschen Reaktionen darauf könnten näher an eine große Eskalation führen. Ein kleiner Funke könnte genügen. Da dies aus der Historie bekannt sein sollte, wäre ein vorsichtigeres Agieren ratsam.
                Alleine eine Militarisierung der Gesellschaft hat schon Folgen, die manches wahrscheinlicher werden läßt.
                Wie bremst man da noch?
                Das Rad dreht sich immer weiter in der selben Richtung und scheinbar hält man die letztendliche Konsequenz für unmöglich.
                Das kann ein fataler Irrtum sein.
                Nicht daß ich das für sehr wahrscheinlich halte, aber je weiter man in diese Richtung vordringt, umso näher kommt man einer wirklich großen Auseinandersetzung.

          • «Meinen Sie wirklich, es gab Anhänger der Grünen, die 1999 (buchstäblich) den Schuss nicht gehört haben?»

            Nein, aber es gibt eben Menschen die vergessen die Jahrzehnte des Gluecks nicht einfach so, sondern verzeihen seeehr viel.

            Hans-Christian Stroebele, Antje Vollmer…

            Und zerflettern Sie nicht meine punktgenaue Analyse! 😉

            • So kann man das sehen .
              !999 wurde auch nie so genau seziert.
              Schnell war es vergessen.
              Auch die Wähler haben sich gewandelt und sind mit früheren Anhängern nicht vergleichbar.
              Trotzdem wurde es wohl manchen zuviel, was die Grünen auf den Tisch legten.
              Aber ich glaube, der Vertrauensverlust der Parteien trifft alle und nun wird auch gegen die eigenen Interessen gewählt, nur um Protest zu zeigen.
              Die Umfragen sind da recht eindeutig.
              Vielleicht sind es temporäre Erscheinungen, es könnte aber auch die Durchlässigkeit der Parteienstrukturen für bestimmte Personen sein. Man zieht eben selbst den Nachwuchs heran und das scheint nicht gut gelungen zu sein.

              • Ja, 1999 war sicher ein Kulminationspunkt, der viele damalige Gruenen aus ihrem Traum von einer schoenen, neuen Welt gerissen hatte. (Wer da von den Parteimitgliedern noch uebrig geblieben ist und wie die Entwicklung im Detail war, guck› ich mir vielleicht mal an, wenn der izi wieder mal auf Reisen ist, spaetestens im Herbst dann ja in China.)

                Aber schon die Hartz-Gesetze wenige Jahre spaeter hat man weitestgehend der «Arbeiterpartei» angelastet und «Friedenskanzler» Schroeder hat’s dann – Irakkrieg III sei dank – irgendwie wieder gerade gezogen.

                Man vergisst eben schnell…

                Was den Nachwuchs betrifft, da waehlt man ueberdurchschnittlich die «Nazis». Und nun reibt sich der ueberzeugte Hauptmedien-Gucker und die meisten Systemparteien-Politiker ganz verwundert die Augen, weil man doch glaubte, die sind alle «Letzte Generation».

                Hier wurde ja schon mal in einem anderen Blog diskutiert… ich denke mal das traditionelle Parteienmodell hat ausgedient.

              • «Man zieht eben selbst den Nachwuchs heran und das scheint nicht gut gelungen zu sein.»

                Ich weiss nicht, was sich Frau Merkel in dieser Frage gedacht hat. Es war jedenfalls falsch.

                Bei der SPD ist es nicht weiter erstaunlich, nachdem Schröder die eigentliche SPD-Klientel verraten hatte. Wer einen klaren Verstand hatte, hat sich danach gewiss nicht mehr für eine politische Karriere in der SPD entschieden.

                Dass es bei den Grünen nichts geworden ist, ist auf den ersten Blick überraschender. Aber da war nach den Schröder/Fischer-Jahren von den Idealen auch nichts mehr übrig. Ich glaube, die haben dann nur noch Leute angezogen, die in Richtung schwarz-grün wollten und das wäre nur etwas geworden, wenn Merkel ihr Nachfolge-Problem gelöst hätte.

                Vielleicht nicht mal dann, denn Grün ist ja nicht nur in Deutschland vorbei. Grün siecht mit Long Covid dahin und läuft Gefahr, im Ukraine-Krieg zu fallen.

  5. Beide Schweizer Parlamentskammern (Ständerat und Nationalrat) haben nun entschieden, dass sie das Urteil der Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zugunsten der «Klimaseniorinnen» nicht akzeptieren. Der EGMR habe damit versucht, ein neues Menschenrecht auf Klimaschutz geschaffen, das von der Menschenrechtskonvention nicht gedeckt sei.

    Quelle: NZZ

    Die NZZ meint, es sei nach einer Reihe übergriffiger Entscheidungen schon eher angebracht gewesen, den EGMR in die Schranken zu weisen. Dem schliesse ich mich an.

  6. Die «liberale» Bildungsministerin Stark-Watzinger wollte Wissenschaftlern Fördermittel entziehen, weil sie propalästinensische Proteste unterstützt hatten.

    Ich persönlich unterütze die Proteste in dieser Form nicht. Ich finde aber, dass eine Ministerin auf dem Boden des Grundgesetzes stehen sollte und wenn sie die Verfassung nicht kennt, sollte sie zurücktreten.

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