Nur zum Spaß


Stelvio Trail Run Wer einen Einstieg in anspruchsvolle Bergläufe sucht oder anderswo die Zielschlusszeit nicht schafft, findet hier ein sympathisches Rennen mit beeindruckender Kulisse.

Start in Prad am Stilfser. In einer halben Stunde wird hier alles voll sein.

Die durchschnittliche Steigung ist einfach zu berechnen. Das Rennen ist 21 km lang und es sind 2100 Höhenmeter zu überwinden. Dafür stehen aber auch maximal 6 ½ Stunden zur Verfügung. Der Grund dafür ist einfach. Gleichzeitig findet das statt, was anderswo Nordic Walking heißt und hier Marsch. Der Marsch beginnt 7:15 Uhr morgens. Der Lauf beginnt 8:00 Uhr. Weil alle Kontrollposten, Verpflegungsstellen und der Zieleinlauf für den Marsch offenbleiben müssen, haben die Läufer sehr viel Zeit.

Ich bin vor etwa einem Jahr beim letzten Frühstück meiner Fahrradferien auf den Stelvio Trail Run aufmerksam geworden. In dem kleinen Hotel nahe Innsbruck trug eine Frau das Trikot der 2023er Ausgabe. Dieses Jahr habe ich das Rennen in meine Fahrradferien eingebaut. Gestern bin ich vom schweizerischen Scuol mit dem Rad nach Schluderns gefahren. Schluderns liegt etwa 9 km Radweg vom Startort Prad am Stilfser entfernt. Ich habe im Hotel nur mein Gepäck abgestellt und mir gleich noch die Startnummer und den Kleidersack geholt. Der Kleidersack war mit den Werbegeschenken der Sponsoren gefüllt: Ein Apfel aus dem Vinschgau, ein Becher Heidelbeer-Skyr des lokalen Milchproduzenten, eine Packung mit drei Schokowaffeln der Nordtiroler Firma Loacker und eine Glasflasche mit einem isolierendem Überzug, auf dem Stelvio Trail Run steht. Die Flasche stammt aus China. Bei diesem Rennen durfte ich erstmals das Teilnehmertrikot vorher anprobieren. Die Größe M passt wie angegossen.

Rennen in Italien sind normalerweise kompliziert. Wahrscheinlich ist vor Jahren einmal jemand bei einem Rennen kollabiert und gestorben. Dann hat man getan, was man in westlichen Ländern in solchen Fällen gerne tut: Man erlässt ein Gesetz. Dieses Verhalten beruht auf der irrigen Annahme, dass man die Risiken des Lebens ausschließen könne. In dem Gesetz steht, dass man ein aktuelles ärztliches Gesundheitszeugnis vorlegen muss, wenn man an einem Rennen in Italien teilnehmen will.

Weil das potentielle zahlende Teilnehmer abschreckt, gibt es beim Stelvio Trail Run drei Kategorien: Marsch, «Competitive» und «Just for Fun». In jeder Kategorie bekommt man eine Startnummer und das Teilnehmertrikot. Wenn man das Ziel erreicht, bekommt man auch eine Medaille aus Holz. In jeder Kategorie trägt die Startnummer auch einen Chip für die Zeitmessung. Das ärztliche Zeugnis braucht man nur in der Kategorie «Competitive», wo eine nach Zeiten geordnete Ergebnisliste veröffentlicht wird und es Preise für die schnellsten Läufer gibt. In den anderen Kategorien gibt es auch eine Ergebnisliste mit Zeiten. Sie ist jedoch alphabetisch geordnet. Es gibt auch Preise für jeweils fünf Teilnehmer. Das sind diejenigen, die der Durchschnittszeit am Nächsten gekommen sind. Ich finde, es sollte für jedes unnötige Gesetz eine solche kreative Umgehung geben.

Gemeldet habe ich für die Kategorie «Nur zum Spaß». Da sind die Startnummern blau. Die Marschierer haben grüne und die Ehrgeizigen gelbe. Ich komme gerade so beim Startgelände an, dass ich die Marschierer loslaufen sehe. Zumindest am Schluss des Feldes sieht es nicht nach einem Eilmarsch aus.

Zunächst gebe ich mein Fahrrad ab. Der Veranstalter bieten für 15 € den Zusatzservice, das eigene Rad eines Teilnehmers mit dem Auto auf’s Stilfserjoch zu fahren. Das Ziel ist an der Dreiländerspitze, die 100 Höhenmeter und etwa 500 Meter Weg oberhalb des Stilfserjochs liegt. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich mit dem Rad einen Pass herunterfahren, den ich gar nicht heraufgefahren bin. Der Helm liegt im Kleidersack, zusammen mit einer winddichten Jacke, einem Fahrradtrikot und eine langen Radlerhose.

Die gelben Startnummern laufen sich warm.

Dann habe ich noch etwas Zeit und schaue mir die ersten 100 Meter der Strecke an. Der Anfangsteil musste dieses Jahr umgeplant werden, weil auf der ursprünglichen Strecke im Frühjahr ein Waldbrand war. Wir werden den Suldenbach entlang bis zur Stilfserbrücke laufen, von wo es dann steil nach Stilfs hinauf geht. Am Suldenbach laufen sich schon ein paar Leute mit gelben Startnummern warm.

Ich stelle mich am Start ziemlich weit hinten an, damit ich keine schnelleren Läufer behindere. Dadurch ist mein Tempo vorgegeben, bis wir den Radweg neben der Straße zum Stilfserjoch erreichen. Die Frühaufsteher unter den Passradfahrern haben das Nachsehen und müssen warten oder die Straße benutzen. Dann müssen alle warten, auch die Autos. Ein Stück des Radwegs ist nämlich gesperrt und dort gehört die Straße uns. Obwohl ich weiß, dass noch ein paar Läufer hinter mir sind, können es nicht so viele sein. Der Ortspolizist beginnt nämlich schon die Schilder mit den Hinweisen zur Straßensperrung abzuräumen.

Es gibt keinen Grund, das Rennen zu schnell anzugehen. Bis zur ersten Verpflegungsstelle im Stilfs nach etwa 6 km habe ich 12:30 min pro Kilometer Zeit. Der erste Kilometer war fast flach und hat trotz des Gedränges nur knapp 6:30 min in Anspruch genommen. Im Anstieg nach Stilfs reiße ich auf einem Kilometer knapp die 12:30, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich schon über 18 Minuten Polster. Kurz nach der Verpflegungsstelle entscheide ich, dass ich auch noch Zeit habe, ein Foto zu machen.

Ausblick kurz hinter der Verpflegungsstelle in Stilfs.

Dann wird es wieder steil. Inzwischen ist es auch warm geworden und einzelne Wegstücke liegen in der Sonne. Auch bis zur zweiten Verpflegungsstelle bei 9.5 km muss ich eine Kilometerzeit von 12:30 min halten, wenn ich ignoriere, dass ich bereits ein komfortables Polster habe. Die Verpflegungsstelle taucht etwas überraschend auf, bevor meine Sportuhr die 9.5 km anzeigt. Ich trinke: zwei Becher isotonisches Getränk, einen Becher Coca Cola, einen Becher Wasser, noch einen Becher isotonisches Getränk. Dazu esse ich einen Apfelschnitz, einen Orangenschnitz und ein Ministück trockenen Kuchen. Ab hier habe ich 21 Minuten pro Kilometer Zeit, zuzüglich meines Polsters.

Zunächst kommt ein schönes Waldstück, das nicht so steil ist und in dem ich zumindest stückweise wieder rennen kann. In den steilen Anstiegen bin ich wie alle Gelegenheitsbergläufer schnell gegangen statt gerannt. Man kann auch so die Maximalleistung erreichen, die das Herz-Kreislauf-System und die Atmung erlauben. In einer Haarnadelkurve überhole ich eine gelbe Startnummer und stärke dadurch mein Selbstvertrauen.

Dann erreichen wird die Bergstation der Trafoi-Seilbahn. Wenn ich am Sonntag noch in der Gegend bleiben würde, hätte ich eine Gratisfahrt gut, für die ein Gutschein im Starterpaket lag. An dieser Bergstation liegen die Furkelhütte und die vorletzte Verpflegungsstelle vor dem Ziel. Wir sind jetzt beim Kilometer 13. Es gibt Wassermelonenschnitze und Bananenstücke, isotonisches Getränk, Wasser, und ja, ich trinke wieder einen Becher Coca Cola.

Seine Majestät, der König Ortler.

Nach der Verpflegungsstelle ist es noch ein wenig flach. Wo dann der Anstieg zunächst sanft beginnt, lauert ein Fotograf. Die Bilder sind kostenlos. Dafür testet die Firma, die sie anfertigt, ein etwas unheimliches System. Nach dem Rennen macht man mit dem Smartphone ein Selfie, nur das Gesicht. Die Software findet damit in wenigen Sekunden alle Bilder, Schweiß und wirres Haar stören nicht. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie für ihren Personalausweis oder Pass ein biometrisches Foto machen lassen mussten?

An der Bergstation des Trafoi-Sessellifts.

Eine Weile bleibt der Anstieg mäßig, dann wird es wieder steil und jetzt habe ich nicht mehr so viel zuzusetzen. Ich gehe mit dem Puls nur knapp über 140. Es muss ja nicht sein. Ich habe morgen wieder eine Radetappe und übermorgen eine schwere am Timmelsjoch. Hier reiße ich auf einem Kilometer sogar die 21 Minuten, aber danach wird es flacher und ich werde wieder schneller. Die letzte Verpflegungsstelle vor dem Ziel bei Kilometer 15.9 lasse ich aus. Ich habe ja gerade erst gegessen und getrunken.

Der Weg ist jetzt ein schmaler Wanderweg, der aber weder technisch zu schwierig noch zu steil zum Rennen ist. Von den Teilnehmern, die vor mir sind, gehen alle. Ich auch. In den ersten zwei Rennstunden kann ich so etwas auch im Laufschritt. Auf dem jetzigen Belastungsniveau wäre mir die Stolpergefahr zu hoch.

Hier könnte man rennen – wenn man noch könnte.

Kurz vor dem Ziel gibt es eine Überraschung. Wir passieren eine Anhöhe und das Ziel liegt unter uns. Die Dreiländerspitze ist nur eine von mehreren Erhebungen und der Zielbogen ist auch nicht genau auf dem Gipfel.

Immer noch etwas Reserven behalten, falls irgendwo ein Fotograf steht.

Das gibt mir die Gelegenheit im Laufschritt ins Ziel zu kommen. So sieht es besser auf dem Zielfoto aus. Der Sprecher ruft meinen Namen aus. Die Uhr am Ziel zeigt 4:39:21. Ich bekomme meine Medaille und auch hier gibt es einen Verpflegungsstand. Käse, Schüttelbrot, Obst, Kuchen, Nüsse, Mandeln und – Coca Cola. Wer will kann auch Dauerwurst oder Tiroler Speck haben, bei dem es sich eher um einen stark getrockneten Schinken handelt.

Der Zielbogen ist etwas kleiner dimensioniert als die Startbögen.

Sie haben auch die Kleidersäcke hier hinaufgebracht. Ein Stück weiter unten am Stilfserjoch bekomme ich auf einem kleinen Stück dafür abgesperrten Parkplatz mein Rad. Ein Helfer hat es schon in der Hand, ehe ich etwas sage. Ich habe jede Menge Höhenmeter Abfahrt vor mir.

Rückweg nach Prad am Stilfser.

Unten in Prad im Startgelände gäbe es noch eine Pastaparty, für die ich auch einen Gutschein habe, und die Siegerehrung. Es hat auch schon Rennen gegeben, bei denen ich erst nach der Siegerehrung das Ziel erreichte. Hier findet sie erst um 16 Uhr statt. Bis dahin ist noch viel Zeit. Ich brauche jetzt aber eine Dusche. Bis zu meinem Hotel sind es nur noch 9 Kilometer mit dem Fahrrad.


7 Antworten zu “Nur zum Spaß”

  1. Prima! So einen Bericht hatte ich mir (im Geheimen) gewuenscht.

    PS: Ich sehe jetzt weder das Selfie noch das Zielfoto. Sicher haben Sie nur vergessen, das hier einzufuegen. Das muesste dann noch nachgeliefert werden 😉

  2. Wunderschöne Landschaft! Zum Wandern, Träumen und auf Bergwiesen genießen.

    Ihr Zielfoto sieht dagegen nach einer anderen Art von Vergnügen/Urlaub aus. Leistung, Leistung, Leistung. Ihre Knie sehen nicht gut aus, hoffentlich nichts mit Nachwirkungen.

    • «Ihre Knie sehen nicht gut aus»

      Ausnahmsweise mal ein Kommentar, dann ist aber gleich wieder Schluss. Das ist nur starke Bräunung vom Radfahren. Die Sonne scheint da die Hälfte der Zeit fast senkrecht drauf. Auch mit Lichtschutzfaktor 50 sieht man an diesen Stellen bald aus wie ein [den der politischen Korrekheit zum Opfer gefallenen Begriff vorstellen].

    • Nun ja, es ist ja auch kein Halbmarathon auf flacher Strecke… Wenn er da als knapp 60jaehriger nicht auf allen Vieren ins Ziel gekrochen kommt…da kann man eigentlich schon aufatmen 😉

      • «ins Ziel gekrochen kommt»

        Aber, warum muss man sich das auf diese Art und Weise beweisen? Und von der Landschaft dürfte man auch nicht viel mitbekommen.

        In unserer Gegend (Nordeifel) sehe ich die Läufer/Jogger zudem noch ‚verstöpselt‘. Pflichtprogramm selbst noch in der Freizeit?

        VG

        • Es ist wie bei jeder Sucht: Es macht kurzzeitig unheimlich gluecklich. Ich kenne das aus eigener Erfahrung (von frueher). Als Freizeitsportler geht es vielleicht noch in jungen Jahren auch um persoenliche Rekorde. Wenn man dann aber schon etwas aelter ist, ist man, voellig egal wie viele Blessuren man hat, einfach gluecklich, wenn man eine besonders anspruchsvolle und – bei mir auch – lange Strecke (aller Widrigkeiten zum Trotz) einfach durchgehalten hat.

          VG Ihnen auch…Pl. von der Eifel 😉

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