Das kurze Leben einer Straße Ein Stück deutscher Geschichte, das mit meiner Lebensgeschichte überlappte.

Mein Liederbuch fliegt auf den Kompost
Gundermann, Spricht der Teufel
Nach des Teufels Hackentrick
Durch die Regenwürmer zieh’n
Die Noten in den Boden ein
Wenn ich die roten Kirschen ess‘
Fall’n sie mir wieder ein.
Als die deutsche Regierung sich Mitte der 1930er Jahre auf einen Krieg vorbereitete, erkannte sie ein Problem in der Treibstoffversorgung. Mit ein wenig Druck erreichte sie die Gründung der Braunkohlen-Benzin-Aktiengesellschaft (Brabag), die eines ihrer Werke im Lausitzer Revier zwischen den Orten Zschornegosda und Naundorf errichtete. Ganz in der Nähe kreuzten sich die Bahnlinien Leipzig-Breslau und Dresden-Cottbus. Die neue Reichsautobahn von Berlin nach Dresden berührte an einer Stelle fast das Werksgelände.
Ein Chemiewerk benötigte damals Führungskräfte, die Bereitschaftsdienste versahen, um bei Störfällen sehr schnell bei den Anlagen zu sein. Um kompetente Leute zu gewinnen, musste man ihnen angemessenen Wohnraum bieten. Deshalb entstand eine kleine Doppelzeile von Einfamilienhäusern zwischen dem Werk und der Autobahn, von letzterer durch einen schmalen Streifen Wald getrennt. Diese Straße erhielt den etwas vollmundigen Namen Bereitschaftssiedlung.
Das Synthesewerk, das auf dem Weg der Fischer-Tropsch-Synthese aus Braunkohle minderwertiges Benzin herstellte, wurde im 2. Weltkrieg zum Ziel der alliierten Bomberflotte. Zum Schutz der Anlagen wurde es durch eine weiträumige Vernebelung getarnt, so dass die Bomben in einem entsprechend weiten Bereich niedergingen. Eine davon zerstörte in der Bereitschaftssiedlung die Häuser mit den Nummern 5, 7 und 9. Sie wurden nie ersetzt. Eine der Bodenplatten gab eine ansprechende Rollschuhbahn ab und aus der Baulücke wurde nach dem Krieg ein Kinderspielplatz. Die Trümmer reichten für einen kleinen Rodelberg.

Hier wuchs ich auf. Ich war das zweite Kind meiner Eltern. Die vorherige Wohnung wurde mit meiner Geburt zu klein und mein Vater hatte inzwischen auch eine Position erreicht, die Bereitschaftsdienst verlangte. Wenige Wochen nach der Geburt zogen die Eltern mit meinem Bruder und mir in die beiden oberen Stockwerke von Haus 14, das inzwischen zu einem Zweifamilienhaus umfunktioniert worden war. Gleich nebenan in Haus 12 war die Kneipe. Ich habe sie nur einmal als Kind betreten und weiß nicht mehr warum. In Erinnerung geblieben ist mir nur das Reklameschild für Görlitzer Landskron-Bier.
Meine erste Erinnerung überhaupt ist ein Blick aus dem geöffneten Badfenster in den Garten bei blauem Himmel. Der Garten war eigentlich unserer, weil sich Familie Kattner im Erdgeschoss nicht dafür interessierte. Es gab zwei Süßkirschbäume, einen mit gelben und einen mit roten Kirschen, eine Schattenmorelle mit sauren Kirschen, die zu Kompott und Streußelkuchen verarbeitet wurden, eine große Wiese mit Gänseblümchen, einige Koniferen und eine Birke, ein Rosenbeet und später ein Plastikzelt, damit die Tomaten und Gurken eher reif wurden. Erdbeerbeete nicht zu vergessen. Einen Sandkasten gab es auch.
Nicht viel später wurde Haus 12 von einer Kneipe zu einem Kindergarten umgewandelt. Auf der Wiese des Nachbargartens stand eine Zeile Kinder, die auf Kommando Bälle nach vorn warfen. Dann rief die Erzieherin «Bälle holen!». Die Kinder liefen los. Das wiederholte sich ein paarmal. Mir wurde schon das Zuschauen zu blöd. Ich äffte ich die Erzieherin nach und plärrte mit hoher Stimme: «Bälle holen!»
Wenn ich am Vormittag frei durch die Bereitschaftssiedlung streifte, begegnete ich den Kindergartenkindern, die in Paaren händchenhaltend von einer Erzieherin ausgeführt wurden. Meine Mutter, die nach einer schweren Krankheit meines Bruders damals ein Hausfrauendasein führte, war besorgt, dass ich ohne Kindergartenbesuch etwas verpassen würde. Sie fragte mich, ob ich nicht auch in dorthin gehen wolle. Ich wollte das nicht, ganz bestimmt nicht.
Gesellschaft hatte ich auch so. In der Bereitschaftssiedlung streiften mehrere Kinder in meinem Alter frei herum und kletterten über die Zäune. Die gleichaltrige Isabelle wohnte in Haus 10. Außer ihr bestand unser Jahrgang aus Jungs. Das machte Isabelle nichts aus.
Als ich sechs Jahre alt war, fanden meine Eltern, dass ich bereits schwimmen lernen sollte. Der junge Rettungsschwimmer Andreas war charismatisch und hatte eine ungewöhnliche Methode. Andere Kinder schwammen auf Bahn 1 am Beckenrand. Neben ihnen lief der Schwimmlehrer mit einem Ring, nach dem sie greifen konnten, wenn sie erschöpft waren. Der Ring wurde «Kescher» genannt. Andreas ließ mich auf Bahn 4 schwimmen und schwamm neben mir. Einmal klagte ich mitten auf der Bahn «Ich kann nicht mehr.» Andreas befand: «Wer noch reden kann, der kann auch noch schwimmen.» Das stimmte.

Das Chemiewerk, das inzwischen Pflanzenschutzmittel produzierte, wuchs. Dort wurde gerade die erste Polyurethanproduktion in einen sozialistischen Land aufgebaut. Für neue Arbeitskräfte wurden am Ostende der Bereitschaftssiedlung Wohnblocks errichtet. In unserem Teil der Straße hießen sie nur «die Neubauten». Wegen dieser Neubauten wurden die Häuser in der Bereitschaftssiedlung schon vorab umnummeriert. Ich wohnte fortan in Haus 18 und die Hausnummern 5, 7 und 9 fehlten nicht mehr, als sei der Spielplatz von Anfang an gewollt und nicht das Ergebnis eines Bombenschadens gewesen.
Die Baustelle war interessant. «Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder.» Am Wochenende überprüfte das niemand. Als die Blocks schon standen, aber die Fenster noch fehlten, wagten wir uns mit Isabelle und Thomas über die Treppen ins höchste Stockwerk und genossen den Blick und den Nervenkitzel. Den haftenden Eltern erzählten wir es nicht.
Unter den Zugezogenen war die blonde Sylvia, die in unsere Klasse kam. Als Neue aus den Neubauten gehörte sie nicht zu unserer Bande, in der Isabelle und ich uns zu den Führungsfiguren mauserten. Einmal, als wir nur zu zweit waren, trugen wir es in einem Ringkampf aus. Das war in dem Alter, in dem Jungs und Mädchen etwa gleich stark sind. Es war nicht unsere erste Kabbelei, aber diesmal setzte Isabelle sich durch. Sie hatte mich auf dem Rücken, kniete sich auf meine Oberarme und verlagerte ihr Gewicht. Konnte sie mir Tränen in die Augen treiben? – Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Jedoch war danach etwas zwischen uns.

In der Schule hieß es, dass das Sammeln von leeren Weinflaschen, Altpapier und Schrott eine gute Tat sei. Es gab auch etwas Geld dafür, das wir in die Klassenkasse einzahlten. Daraus konnten wir uns auf Klassenfahrten etwas Besonderes leisten oder wir spendeten für die Kinder in Vietnam. Weil mein Vater einen großen Handwagen hatte, ging unsere Bande immer an Haus 18 los. In der Bereitschaftssiedlung war nicht viel zu holen. Die Mittelschicht trank nur selten Wein. Dann spülte sie die Flaschen aus und weichte die Etiketten ab, so dass wir nichts über die Weinsorten lernten konnten.
Die wahren Jagdgründe lagen in der «Heimstätte Nord». Die war in der Nazizeit eine Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen gewesen, in der Zwangsarbeiter inhaftiert waren. In den 1970er Jahren gab es dort billigen Wohnraum, teils in den ehemaligen Gebäuden für die Wachmannschaften und teils in Holzbaracken. Dort wohnte eine Unterschicht, die es auch in der DDR gab. Diese Leute waren kinderlieb und sie hatten viele Weinflaschen für uns.
Im Sommer verbrachte ich fast jeden Nachmittag im Schwimmbad, das gleich am Nordwestende der Bereitschaftssiedlung lag und das mit seinem 50-Meter-Becken etwas hermachte. Die Monatskarte kostete so viel wie eine Woche Taschengeld. Das Schwimmbad hatte starke Lautsprecher. Im Mai wurde erscholl immer mal wieder eine Fanfare, gefolgt von einer Meldung über den aktuellen Stand bei der laufenden Friedensfahrt-Etappe. Das dreiwöchige Amateur-Radrennen war der Tour de France nachempfunden, einschließlich eines gelben Trikots für den Führenden. Ich habe erst Jahre später begriffen, dass die Fanfare und die Sportmeldungen ein Ersatz für die Frontmeldungen des 2. Weltkriegs waren.
Wir spielten Wasserhasche und tauchten einander. Bademeister Paster, der eigentlich als streng galt, tolerierte das, solange wir es nicht zu bunt trieben. Ich sprang viel vom 5-Meter-Turm. Der 10-Meter-Turm jedoch war tabu, auch als ich ihn mir schon zutraute. Der wurde erst um 18 Uhr geöffnet. Kinder unter 14 Jahren mussten bis 18 Uhr das Schwimmbad verlassen haben. Irgendwann fragte ich Paster, ob ich nicht vielleicht doch und ich sei doch bald 14. Paster war ein guter Pädagoge. Er hatte mich oft vom 5-Meter-Turm springen sehen. Ab da öffnete er für mich den 10-Meter-Turm um 17:50 Uhr.
Isabelles Vater bekam eine Stelle in Berlin. In den Ferien zwischen der siebten und achten Klasse zog sie weg. Unsere Bande war inzwischen dem Indianerspiel entwachsen und ging auf den Fußballplatz. Sylvia bemerkte, dass fast alle im passenden Alter in der Bereitschaftssiedlung Jungs waren oder Stubenhockerinnen. Da sie in der Betriebssportgemeinschaft Chemie schwamm, konnte sie körperlich ganz gut mit den Jungs mithalten. Sie kam hin und wieder mit zum Fußballspielen.
Nur zwei Schüler unserer Klasse konnten sich nach dem 8. Schuljahr für die Erweiterte Oberschule in Lauchhammer qualifizieren, wo wir das Abitur ablegen würden. Das waren Sylvia und ich, während Thomas eine Berufsausbildung mit Abitur anstrebte. Er hat heute ein kleines eigenes Unternehmen. Sylvia interessierte mich. Ich holte sie eine Zeit lang morgens ab, um mit ihr zur Bushaltestelle zu laufen, aber ich war unsäglich schüchtern. Irgendwann wurde ihr Vater befördert und die Familie zog in Haus 23a. Als sie in der 10. Klasse einmal krank war, brachte ich ihr die Hausaufgaben vorbei. Sie legte die gerade herausgekommene Puhdys-Platte «Computerkarriere» auf und es hätte etwas geschehen können, wenn ich gewusst hätte, wie.
Als wir in der 11. Klasse waren, war Thoralf, der auch in unsere Klasse ging, ein klein wenig weniger schüchtern als ich. Die beiden heirateten ein paar Jahre später, als Thoralf und ich bereits an der Offiziershochschule in Löbau waren. Der Polterabend fand im Garten des Hauses 23a statt. Ich war dabei. Die Ehe wurde stabil.
Mit 18 Jahren zu Beginn des Wehrdienstes war ich bei meinen Eltern ausgezogen. Mein Bruder studierte bereits an der Technischen Universität in Dresden. Doch kam ich an jedem freien Wochenende zurück. Die Bereitschaftssiedlung war meine Heimat geblieben. Das änderte sich auch nur ein wenig während meines Studiums. Meine Eltern allerdings, die mittlerweile beide mehr als 50 Jahre alt waren, hatten sich schon lange ein Eigenheim gewünscht. Vor der Wende erforderte das viel Eigenleistung und mein Vater, der noch vor meinem Wehrdienst Generaldirektor des Synthesewerks und des zugehörigen Chemiekombinats geworden war, konnte das neben seiner Arbeit nicht schaffen.
Nach der Wende blieb er zwar in der Geschäftsführung des von der BASF gekauften Werks. Aber Bauen war jetzt viel einfacher. Es mangelte nicht mehr an Baumaterial. In Schwarzbach, wo meine Eltern einen großen Garten hatten, war 1991 neu erschlossener Baugrund billig. Ich half im letzten Jahr meines Studiums noch bei der Beräumung des Grundstücks und beim Bau der Garage mit. Als dann das Haus errichtet wurde, war ich gerade für ein Jahr in Japan.
Für meine Eltern wurde dieses Haus die neue Heimat. Ich kam dorthin nur gelegentlich zu Besuch. Derweil hatte die BASF mein geliebtes Schwimmbad an die Stadt Schwarzheide abgestoßen, von der sie sich die Beheizung mit der Abwärme bezahlen ließ. Die Stadt schloss das Bad bald darauf. Die BASF entledigte sich auch der meisten Wohnhäuser, die das Synthesewerk besessen hatte. Ein paar Jahre darauf passte Wohnraum so nahe an einem Chemiewerk gar nicht mehr zum Zeitgeist. Bis auf eine störrische Frau in Haus 13 gingen alle Bewohner auf die Ersatzangebote der BASF ein und zogen weg. Die Häuser der Bereitschaftssiedlung wurden bis auf das eine abgerissen. Inzwischen ist das Management der BASF AG zu der Ansicht gelangt, dass alle Verpflichtungen einer Firma für das Gemeinwesen mit der Steuer abgeglichen seien. Absatz 2 von Artikel 14 des Deutschen Grundgesetzes ist nicht einklagbar.

Ich bin später noch einmal auf dem Grundstück gewesen, auf dem ich aufgewachsen bin. Das Gelände der ehemaligen Bereitschaftssiedlung ist eine Art Park geworden. Die Wiesen gibt es noch und die großen Bäume blieben stehen. So ist sie noch da, die Blautanne, derentwegen ich ein kleines Scharmützel mit meinem Biologielehrer Handschke hatte. Handschke fragte, ob schon einmal jemand von uns einen Tannenzapfen gefunden habe. Ich meldete mich. Er sagte, das könne gar nicht sein, denn Tannenzapfen würden nicht zu Boden fallen. Die Samen würden sich aus dem Zapfen lösen, während der noch am Baum hinge. Ich führte unsere Blautanne als Gegenbeispiel an. Ja, ja, sagte Handschke, das sei eine Fichte. Der Name Blautanne sei verbreitet, aber falsch. Nach Jahrzehnten in der Wissenschaft scheint mir inzwischen, es gäbe viele Fälle dieser Art.
Die Bereitschaftssiedlung ist nicht einmal so alt geworden, wie heute die meisten Menschen werden. Für eine Straße hatte sie ein ungewöhnlich kurzes Leben. Und doch könnte dieses kurze Leben leicht einen Roman füllen. Die Eigenheiten dreier deutscher Staaten und die sozialen Veränderungen über drei Generationen kämen darin vor.
Kann sein, dass der Teufel den Mann aus’m Land reißt
Gundermann, Spricht der teufel
Nie kriegt er das Land aus’m Mann
Wenn draußen die Schneekönigin in die Wand beißt
Geht drinn‘ das Feuer an.
5 Antworten zu “Bereitschaftssiedlung”
Ja, so schoen nostalgisch und beruehrend. Einfach wunderbar!
Und morgen dann die nuechterne Analyse der verdammten letzten 4 Jahre. Oder?
https://www.youtube.com/watch?v=GPOFv4tb2kA
@izi
Sehr schöner, berührender Beitrag.
Ich habe mich stellenweise in meine Kindheit zurückversetz gesehen.
Wenn ich mir vorstelle, unter welchen Bedingungen viele Kinder heutzutage gross werden.
Ich glaube nicht, dass man so etwas mit Computer, Handy oder anderem kompensieren kann.
Ich bin froh, dass ich eine ähnliche Kindheit hatte.
Aber wenn Sie sich mal nicht mehr mit der Forschung beschäftigen sollten, wäre auf dem Gebiet des Schreibens für Sie auch noch viel drin.
Also, um diese Gabe beneide ich Sie wirklich.
Danke. Schöööön. Nur, was ist aus Nscho-Tschi Isabell geworden?
«Computerkarriere» – also zum Knuddeln eigenet sich dieses Puhdys-Werk nicht wirklich)))
Der Tophit der BRD 1982 war: Maid of Orleans (The Waltz of Joan of Arc) – Orchestral Manoeuvres in the Dark
«Nur, was ist aus Nscho-Tschi Isabell geworden?»
Ich weiss es wirklich nicht. Wir hatten vor elf Jahren ein Klassentreffen, aber sie war nicht dabei. Voriges Jahr hatten wir auch eins, aber ich war nicht dabei (eine Konferenz, die ich vorher zugesagt hatte).
Ja, in der Hinsicht sind Sie wirklich ein Pechvogel.😉