Krieg und Krieg


Außer Kontrolle Die Großmächte sehen Kriege wieder als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln an, auch wenn der Kriegsgegner ein anderer gut gerüsteter Staat ist. Zugleich sind ihre eigenen Waffenarsenale und Strategien nicht mehr an die Realität des modernen Krieges angepasst. Diese hat sich durch neue Technologien und durch die zunehmende Bedeutung der Kosten der Kriegsführung grundlegend verändert.

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Die Zeit des Blitzkriegs ist vorbei

Als ich Mitte der 1980er Jahre zum Offizier der Truppenluftabwehr ausgebildet wurde, waren die Konzepte der Kriegsführung noch weitgehend diejenigen, die in der Deutschen Wehrmacht im Vorfeld des 2. Weltkriegs entwickelt wurden. Motorisierte Verbände, deren Kern Kampfpanzer bildeten, sollten tiefe Durchbrüche und schnelle Geländegewinne («Blitzkrieg») erzielen. Diese Operationen wurden durch die Luftwaffe («Frontflieger») unterstützt.

Als Reaktion auf den Einsatz vom Erdkampfflugzeugen gegen Bodentruppen wurde später eine zusammen mit den motorisierten Verbänden bewegliche Truppenluftabwehr geschaffen. Die Luftwaffe führte zudem Schläge gegen das Hinterland des Gegners, insbesondere gegen die industrielle Basis. Die gegen Deutschland im 2. Weltkrieg Alliierten verwendeten dafür ausschließlich Bomberverbände. Deutschland entwickelte im Laufe dieses Krieges Marschflugkörper (V1) und ballistische Raketen (V2). In der heutigen Terminologie sind Marschflugkörper eine Form von Drohnen. Gegen Bomberverbände, Marschflugkörper und später auch gegen ballistische Raketen wurde eine Luftverteidigung aufgebaut. Die Luftverteidigung kann Ziele in viel größerer Entfernung aufklären und bekämpfen als die Truppenluftabwehr.

An diesem generellen Schema änderte sich bis zum Beginn des Ukrainekriegs am 24. Februar 2022 wenig. Zwar hatten sich die Aufklärungs- und Kommunikationsmöglichkeiten durch technologische Entwicklungen erheblich verbessert. Dadurch war das «Gefecht der verbunden Waffen» in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg immer effektiver geworden. Entwickelt und formalisiert wurde dieses Konzept jedoch bereits Anfang der 1920er Jahre in der Deutschen Reichswehr durch Hans von Seeckt. Seit Ende des 2. Weltkriegs waren die Truppenluftabwehr und insbesondere die Luftverteidigung in gut gerüsteten Staaten deutlich effektiver gegen die Luftwaffe, Marschflugkörper und Raketen geworden.

Das 2022 gängige Konzept der Kriegsführung, auf dass sich sowohl Russland als auch die NATO stützten, war über Jahrzehnte keinem echten Test mehr unterzogen worden. Die entsprechend gerüsteten Großmächte hatten es nur gegen sehr viel schwächere Gegner, was in den USA als Konzept der überwältigenden Stärke bezeichnet wurde.

Als Putin Ende Februar 2022 die Ukraine angriff, funktionierte dieses Konzept nur teilweise und nur anfangs, vor allem an der Südfront, wo die ukrainische Front sich nur langsam bildete und dünn besetzt war. Bereits in der Anfangsphase des Ukrainekriegs zeigten sich aber auch schon die Grenzen dieser Art von Kriegsführung. Von Anfang an hatten die russischen Streitkräfte hohen Verluste an Panzern durch Panzerabwehrlenkraketen US-amerikanischer Bauart.

Die Operation verlief insgesamt sehr viel schleppender als westliche Analysten aufgrund des Kräfteverhältnisses erwartet hatten. Diese Ananlysten schlossen fälschlich, dass die Ursachen hauptsächlich in einem zu geringer Kräfteeinsatz der russischen Seite, in einem schlechten Ausbildungsstand der russischen Truppen und in einer inkompetenten Führung lagen. Diese Fehleinschätzung hatte zur Folge, dass westliche Analysten annahmen, dass eine von der NATO mit Waffen und Ausbildung unterstützte Ukraine einen Krieg gegen Russland gweinnen könne – und zwar mit den gleichen Mitteln der Kampfführung.

Zunächst schienen diese Analysten recht zu behalten. Im September 2022 gelang den ukrainischen Streitkräften im Raum Kupjansk-Isjum ein Durchbruch mit motorisierten Kräften, der zu schnellen und erheblichen Geländegewinnen führte. Um ein ähnliches Szenario an der Südfront zu vermeiden, wo ein erheblicher Verlust an Truppen zu befürchten war, gaben die russischen Streitkräfte die rechtsufrigen Teile der Region Cherson kampflos auf. Durch den Erfolg ermutigt, bereiteten die NATO und die Ukraine für Frühjahr/Sommer 2023 eine Offensive nach dem gleichen Prinzip vor. Im Gegensatz zum Herbst 2022 war die Stoßrichtung einer aussichtsreichen ukrainischen Gegenoffensive für 2023 vorher bekannt. Dort bauten die russischen Streitkräfte eine stark befestigte, gestaffelte Verteidigungslinie, die Surowikin-Linie, auf.

In dieser Line fuhr sich die am 4. Juni 2023 begonnene, mit umfangreicher NATO-Unterstützung vorbereitete und mit modernen NATO-Waffen durchgeführte ukrainische Offensive, sehr schnell und unter hohen Verlusten fest. Insbesondere fielen viele Panzer und gepanzerte Truppentransporter russischen Drohnen zum Opfer. Die im November 2023 endgültig eingestellte Offensive war ein operativer Fehlschlag.

Der damalige ukrainische Oberbefehlshaber, Waleri Saluschnyj, erkannte Anfang November 2023, dass diese Art der Kriegsführung nicht mehr zeitgemäß war. Er wies in einem Artikel im britischen «Economist» auf die Wichtigkeit der Entwicklung von Drohnen hin. Die russische Seite hatte bereits im November 2022 ihre Art der Kriegsführung geändert. Sie ging zunehmend langsamer mit kleinen Gruppen von Infanterie zu Fuß, auf Motorrädern oder mit kleinen ungepanzerten Fahrzeugen vor.

Westliche Analysten führten das fälschlich hauptsächlich auf eine russische Schwäche und die Ausdünnung der russischen Panzerverbände zurück. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wollte angesichts von etwa 20% russisch besetztem ukrainischen Territorium nicht wahrhaben, dass die Zeit großräumiger, schneller motorisierter Offensiven vorüber war. Er entließ Saluschnyj. Seitdem sind mehr als zweieinhalb Jahre vergangen. Es hat in dieser Zeit keine nachhaltig erfolgreiche großräumige Operation im Ukrainekrieg mehr gegeben.

Warum der Blitzkrieg vorbei ist

Die Hauptursache für das Ausbleiben weiträumiger Offensiven ist das Kräfteverhältnis zwischen modernen Kampfdrohnen und gepanzerten Fahrzeugen sowie zwischen Kampfdrohnen und größeren Gruppen von Infanteristen, sobald diese einmal erkannt sind. Deshalb hat sich im Ukrainekrieg eine Art des Bodenkampfes herausgebildet, bei der es keine klare Frontlinie mehr gibt. Kleine Gruppen von Infanteristen bewegen sich unentdeckt in zuvor gegenerisch kontrolliertes Territorium. Die Kontrolle verschiebt sich dadurch kleinflächig und kontinuierlich. Die Aufklärung wird erheblich erschwert – und das ist der Kern dieser Kampfweise. Die personellen Verluste sind auf beiden Seiten erheblich. Sie sind jedoch zwischen den Seiten ausgeglichener als in herkömmlichen Frontkämpfen, in denen die Angreifer deutlich höhere Verluste haben, wenn die Verteidiger sich in gut befestigten Stellungen befinden. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die russische Seite zu dieser Art der Kriegsführung übergegangen ist.

Die gegenwärtigen Diskussionen in NATO-Staaten bezüglich der geplanten Aufrüstung zeigen, dass die militärische und politische Führung der NATO diese grundlegenden Veränderungen der Bodenkriegsführung durch moderne Aufklärungsmöglichkeiten und Kampfdrohnen noch nicht begriffen hat. Das gilt mindestens für diejenigen Diskussionen, die an die Öffentlichkeit gelangen und für Beschaffungsprojekte der deutschen Bundeswehr.

Man glaubt in einer unsicheren Weltlage ungern, dass die eigene Seite militärisch inkompetent ist. Gleichwohl weist auch der Krieg der USA und Israels gegen den Iran darauf hin, dass die militärische und politische Führung dieser Länder die Lehren aus dem Ukraine-Krieg nicht verstanden hat. Im Fall der USA und Israels geht es nicht um Bodenoperationen sondern um grundlegende Veränderungen im Luftkrieg.

It’s the economy, stupid!

James CARviLle für die Clinton-Kampagne 1992

Die Malaise der Luftverteidigung

Bis zum Beginn des Ukraine-Kriegs war der Rüstungswettlauf zwischen Luftangriffswaffen und Luftverteidigungswaffen ein Wettlauf um teure Hochtechnologien. Kampfflugzeuge wurden so gebaut, dass ihr Radarquerschnitt immer geringer wurde, um ihre Aufklärung zu erschweren. Ähnliche Prinzipien, gepaart mit einem Anschmiegen der Flugbahn an den Boden, wurden bei Marschflugkörpern angewandt. Bei ballistischen Raketen ging die Entwicklung hin zu höheren Geschwindigkeiten (Hyperschallraketen), zu einer Manövrierfähigkeit in der letzten Flugphase und zu Mehrfachsprengköpfen. All das war darauf gerichte, die Bekämpfung von Flugzeugen, Marschflugkörpern und Raketen mit einer gegebenen Zahl von Luftabwehrraketen zu erschweren.

Die Zahl der Länder, die Luftabwehrraketen zum Abfangen ballistischer Raketen entwickelt haben, ist begrenzt. Dazu zählen die USA (Patriot, THAAD, Aegis/SM3), Russland (S-400, S-500, A-135/A-235), Israel (Iron Dome, David’s Sling, Arrow 2 und 3) und China (Hongqi-9C, Hongqi-19, Hongqi-29). Einige weitere Staaten haben Eigenentwicklungen mit begrenzten Fähigkeiten. Die Praxis hat gezeigt, dass auch mit den besten Systemen die Abfangrate gegen herkömmliche ballistische Raketen bei massierten Angriffen bestenfalls 80-90% beträgt. Wie groß sie gegenüber Hyperschallraketen ist, kann gegenwärtig nicht sicher gesagt werden.

Ein Abfangrate von 80-90% klingt zunächst gut, verdeckt aber den Umstand, dass derartig effektive Flugabwehrraketen um ein Vielfaches teurer sind als die angreifenden ballistischen Raketen. Zudem wird diese Abfangrate nur erreicht, wenn man zwei bis drei Abfangraketen gegen eine ballistische Rakete einsetzt. Jede unter Einsatz von zwei Patriot PAC-3 abgefangene russische Iskander-M-Rakete ist ein Verlustgeschäft von reichlich 4 Millionen US$ für den Verteidiger. Beim Abfangen iranischer ballistische Raketen mit israelischen Arrow 2/3 fällt der Kostennachteil des Verteidigers doppelt so hoch aus.

Zudem ist es in einem langen Krieg einfacher möglich, die Produktion ballistischer Raketen zu erhöhen als diejenige von Abfangraketen. Die Konsequenz sehen wir gerade in der Ukraine, der die Abfangraketen ausgehen, während Russland kontinuierlich Angriffe mit ballistischen Raketen führen kann. Auch die USA stehen im Iran-Krieg vor diesem Problem, auch deswegen, weil sie die Produktion von Abfangraketen im Vorfeld nicht früh und drastisch genug erhöht haben.

Die Luftverteidigung ist gegenüber ballistischen Raketen in einem längeren Krieg deutlich im Nachteil. Wenn nur eine Seite ballistische Raketen einsetzen kann, wie das im Ukraine-Krieg der Fall ist, hat die andere Seite deutlich höhere Kriegskosten. Dieses Problem war Spezialisten vor dem Ukraine- und Iran-Krieg bekannt. Es gibt auf absehbare Zeit keine Lösung dafür.

Ein weiteres Problem der Luftverteidigung hat sich erst im Ukraine-Krieg ergeben. Zuerst betraf es nur die ukrainische Seite, neuerdings betrifft es auch die russische. Es ergibt sich aus Billigdrohnen, die ursprünglich der Iran für die asymmetrische Kriegführung entwickelt hatte. Die Entwicklung der Shahed-136-Drohne folgte nicht der Logik der Rüstungsindustrie der hochentwickelten Großmächte. Ihr technologischer Stand ist relativ niedrig. Wenn sie einmal aufgefasst ist und ein Abwehrsystem in Reichweite bereitsteht, ist sie sehr einfach abzufangen. Das Problem liegt in diesen beiden Bedingungen.

Die Auffassung ist nicht unbedingt einfach, weil der Radarquerschnitt der kleinen Kunststoffdrohne gering ist und sie tief fliegen kann. Vor allem aber ist die Anzahl von Abwehrsystemen begrenzt, die solche Billigdrohnen zu Kosten abfangen können, welche die Kosten der Drohne nicht um ein Vielfaches übersteigen. Derartige Abwehrsysteme haben eine geringe Reichweite. Will man sich gegen Shahed-Drohnen verteidigen, hat man also zunächst einmal hohe Investitionskosten, insbesondere als Flächenland, wie die Ukraine.

Die russische Seite hat unter dem Namen Geran die in Lizenz genommenen Shahed-Drohnen etwas weiterentwickelt, ohne dass dadurch die Kosten stark gestiegen sind oder die Herstellung viel komplizierter wurde. Sie hat eine Großproduktion aufgebaut und kann dadurch auch kleine Ziele, wie Tankstellen, kostengünstig angreifen. Die Ukraine hat mit dem Aufbau eines personalintensiven verteilten Abwehrsystems reagieren müssen. Möglich ist das, weil die ukrainischen Kriegskosten praktisch vollständig von den Verbündeten getragen werden.

Auch der Iran scheint derartige Drohnen weiterentwickelt zu haben. In mindestens drei Fällen scheinen hochwertige bzw. prestigeträchtige Ziele durch Shahed-Drohnen mit Antiradar-Technologie zerstört worden zu sein. Dabei handelte es sich um eine mehrere hundert Millionen US$ teure, fest installierte langreichweitige AN/FPS-132 Radarstation auf der Al Udeid Air Base der USA in Katar, eine ebenfalls sehr teure AN/TPY-2 Radarstation eines THAAD-Systems auf der Muwaffaq Salti Air Base der USA in Jordanien und eine 300 Millionen US$ teure AN/TPS-59 Radarstation bei der Naval Support Activity Bahrain der USA. Zusätzlich haben sehr wahrscheinlich ebenfalls zwei solche Drohnen am 3. März 2026 die CIA-Station in der US-Botschaft in Riad (Saudi-Arabien) zerstört. In diesem Fall ist die Präsenz eines Spionage-Radars als «Anflughilfe» wahrscheinlich. In all diesen Fällen handelt es sich um «harte» Ziele. Zumindest die drei Radarstationen hätten durch Stinger-Raketen oder vergleichbare Waffen leicht gegen Angriffe mit langsamen Drohnen geschützt werden können. Dass sie in dieser Kriegssituation nicht geschützt waren, ist Inkompetenz oder Arroganz oder beides zusammen.

Die Ukraine hat, im Gegensatz zu den USA und zu Rüstungskonzernen in Europa, das Konzept der Billigdrohnen begriffen. Sie hat eine Reihe eigener derartiger Systeme entwickelt. In dieser Hinsicht hat sie sogar einen Vorteil gegenüber Russland, weil sich mögliche Ziele in Russland über eine viel größere Fläche verteilen. Dadurch ist sowohl das Auffassen der Drohnen als auch der Aufbau eines hinreichend dichten Netzes an Abfangsystemen in Russland um ein Vielfaches teurer.

Die Ukraine ist vermutlich derzeit das Land, das bei der Abwehr von Billigdrohnen weltweit führend ist. Allerdings ist zu erwarten, dass Russland seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet in den nächsten Monaten verbessern wird. Zu erwarten ist auch, dass keines der beiden Länder auch nur annähernd ein Abfangrate von 80-90% gegen Billigdrohnen erreichen kann, sofern diese gegen weiche Ziele wie Tankstellen, Logistikzentren von Online-Händlern oder zivile Produktionsstätten eingesetzt werden. An solchen Zielen können diese Drohnen einen vielfach höheren Schaden anrichten, als die Produktion aller für den Angriff eingesetzten Drohnen gekostet hat.

Die Malaise der NATO-Luftverteidigung

Im Gegensatz zur Ukraine sehen sich europäische NATO-Länder derzeit keiner Übersättigung ihrer Luftverteidigungsmöglichkeiten durch russische Drohnen oder Marschflugkörper gegenüber. Dennoch erweist sich ihre Luftverteidigung wiederholt als löchrig. In der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 verletzten im Rahmen eines Angriffs auf die Ukraine nach polnischen Angaben 19 russische Drohnen den polnischen Luftraum. Von diesen wurden nur drei bis vier abgeschossen. MIndestens einer der Abschüsse erfolgte mit einer um ein Vielfaches teureren Luft-Luft-Rakete AIM-120 AMRAAM.

Am 25. März 2026 traf eine ukrainische Drohne das das Kraftwerk Auvere im Nordosten Estlands. Es ist nicht erwiesen, aber wahrscheinlich0, dass sie durch die russische elektronische Kampfführung abgelenkt worden war. Am gleichen Tag stürzte eine ukrainische Drohne in Lettland ab, bereits zwei Tage vorher eine in Litauen. Am 29. März und 3. Mai 2026 durchflogen ukrainische Drohnen den finnischen Luftraum, wobei es beim ersten Vorfall zu zwei Abstürzen kam, in mindestens einem Fall mit undetonierter Sprengladung. Am 7. Mai stürzten zwei ukrainische Drohnen in Lettland ab, wobei in einem Fall eine (leere) Erdölspeicheranlage getroffen wurde. Weitere Vorfälle gab es in mehreren baltischen Staaten im Mai und Juni 2026. Nur in zwei Fällen wurden Drohnen durch Kampfflugzeuge abgefangen.

Am 30. Juli 2026 flog ein russischer Kh-101-Marschflugkörper etwa 90-100 km durch den polnischen Luftraum, ohne abgefangen zu werden und schlug dann auf einem Feld ein. Insgesamt muss festgestellt werden, dass die Luftverteidigung der NATO in Europa gegen Billigdrohnen und tieffliegende Marschflugkörper nicht funktioniert.

Zwei schlechte Nachrichten

Zunächst eine gute Nachricht. Weder Russland noch der Iran wird auf absehbare Zukunft europäische NATO-Staaten angreifen. Beim Iran dürfte das unstrittig sein. Was Russland betrifft, so wird die Regierung nach dem Ukraine Krieg für eine längere Zeit die für ein solches Unterfangen nötigen Truppen nicht ausheben können. Männer, die ihr Leben für ihr Vaterland an der Front riskieren wollen, werden bereits jetzt knapp, auch wenn Russland weiterhin genug Freiwillige findet, um nicht wie die Ukraine unwillige Männer zwangsrekrutieren zu müssen.

Die schlechten Nachrichten sind die folgenden. Erstens muss der Westen sich von der Illusion verabschieden, Kriege von einer Position der Stärke aus mit geringen personellen Verlusten führen zu können. Die neuen Realitäten des Bodenkriegs lassen das nicht zu – und zwar weder als Angreifer noch als Verteidiger. Weil in den westlichen Gesellschaften wenige Männer bereit sind, für ihr Land an der Front ihr Leben einzusetzen, wird der Westen prinzipiell erpressbar. Das betrifft weniger die geografisch begünstigte USA, auf längere Sicht jedoch die europäischen Staaten. Für dieses Problem muss eine Lösung gefunden werden.

Illustrieren kann man das am Beispiel der Ukraine. Eine von «Slovo i Dilo» («Wort und Tat») vom 18.-25. März 2026 durchgeführte Umfrage unter 1200 Internetnutzern ab 18 Jahren ergab, das 37% Familienangehörige haben, die an der Front gefallen sind oder schwer verletzt wurden. Ferner geben 13% an, dass Angehörige im Hinterland durch Beschuss gestorben sind oder verletzt wurden. Durch den Krieg die Wohnung oder Eigentum verloren haben 30% der Familien.

Wenn der Krieg sich noch 3 Jahre hinziehen sollte, sind noch 18% bereit, sich den Verteidigungskräften anzuschließen oder einen nahen Angehörigen dafür herzugeben. Unter denen, die bereits dienen, beträgt die Bereitschaft zum weiteren Dienst über 3 Jahre 7%. Unter allen Befragten schließen zwischen 40 und 42% einen Dienst zur Landesverteidigung kategorisch aus. Unter den 18-29-jährigen beträgt diese kategorische Ablehnung 49%.

Die zweite schlechte Nachricht ist, dass der Westen derzeit kein Luftverteidigungssystem hat, dass in der Fläche «weiche Ziele», wie etwa Industriebetriebe und Energieinfrastruktur schützen könnte. In dieser Hinsicht ist derzeit sogar die Ukraine besser aufgestellt, trotz des eklatanten Mangels an Abfangraketen gegen russische ballistische Raketen. Diesem Mangel ist nicht abzuhelfen, ohne auch noch die Luftverteidigung «harter Ziele», wie militärischer Einrichtungen in den EU-Staaten und in Großbritannien zu gefährden. Deshalb haben die europäischen Staaten ein erhebliches objektives Interesse daran, den Ukraine-Krieg durch eine Verhandlungslösung zu beenden.

Europa benötigt für eine glaubhafte Abschreckung gegenüber Russland Billigdrohnen, welche die Ukraine nach dem Kriegsende liefern könnte. Die Ukraine hat erhebliche Schulden in Westeuropa. Westliche Politiker sollten, statt dem Lobbyismus der eigenen Rüstungsfirmen zu erliegen, diese beiden Dinge zusammenbringen.

Desweiteren benötigen die europäischen NATO-Länder ein neuartiges Luftverteidigungssystem gegen Billigdrohnen. Es wäre angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre töricht, sich dabei auf die USA zu verlassen. Ist das technologisch machbar und ist es finanzierbar?

Ein Netz fest installierter Antennenstandpunkte mit Energieversorgung existiert bereits. Es handelt sich um die Antennen für den Mobilfunk. Dieses Netz ist so dicht, dass fast die gesamte Fläche abgedeckt ist. Es könnte für die Auffassung tieffliegender Ziele mit kleinem Radarquerschnitt ausgebaut werden. Die einzelnen Zellen sind so klein, dass diese Radarerfassung nicht weitreichend sein muss. Weil das Netz so stark verteilt ist, ist es nicht einfach anzugreifen. Es muss nur noch mit geeigneten Radargeräten ausgerüstet werden, was auf dem gegenwärtigen Stand der Mikrowellentechnologie weder technologisch sehr schwierig noch extrem teuer wäre. Das System muss eine gemeinsame Datenerfassung und -verarbeitung für alle Zellen haben. Auch das wäre weder sonderlich schwierig noch sehr teuer.

Allerdings genügt es nicht, die gegnerischen Drohnen zu erfassen. Man muss sie auch bekämpfen können. Angesichts des geringen Preises dieser Drohnen müssen sowohl die Anfangsinvestitionen als auch die laufenden Kosten per abgeschossener Drohne gering sein. Ich sehe derzeit keine andere Lösung als die Billigdrohnen mit noch billigeren Drohnen zu bekämpfen. Denkbar ist das, weil Reichweite und Sprengstoffmasse der Verteidigungsdrohnen geringer sein können. Moderne Flakpanzer wie der Oerlikon Skyranger 30 sind hingegen für die Verteidigung weicher Ziele in der Fläche eine zu teure Investition. Sie haben ihre Berechtigung für den zusätzlichen Schutz ausgewählter Einrichtungen gegen Drohnen, die das Flächensystem nicht abgefangen hat.

Man kann nicht wissen, ob es bereits Planungen für ein solches System in europäischen NATO-Staaten gibt oder sogar bereits an der Realisierung gearbeitet wird. Angesichts der allgemeinen Schwerfälligkeit der europäischen NATO-Staaten und ihrer mangelnden Konsensfähigkeit halte ich das allerdings für unwahrscheinlich. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch nichtstaatliche Akteure irgendwann zu Attentaten mit bewaffneten Billigdrohnen übergehen oder dass es zu False-Flag-Aktionen eigentlich verbündeter Staaten kommt. Die europäische nVerteidigungspolitiker sollten deshalb nicht zu lange überlegen.

Fazit

Über Krieg nachzudenken, gilt in intellektuellen Kreisen als unfein. Angesichts der Weltlage ist es gleichwohl notwendig. Das Problem westlicher Staaten liegt nicht in zu geringen Verteidigungsausgaben, wie von interessierten Kreisen ständig behauptet wird. Umgekehrt muss eine glaubhafte Verteidigung vor allem kostengünstig sein. Sie muss zudem dem Umstand Rechnung tragen, dass in reichen und bequem gewordenen Gesellschaften die durchschnittliche Bereitschaft gering ist, den Staat unter Einsatz des eigenen Lebens an der Front zu verteidigen. Die gegenwärtigen Diskussionen in westlichen Staaten tragen dem Umstand nicht Rechnung, dass sich die Art der Kriegsführung im Verlauf des Ukrainekriegs grundlegend geändert hat und dass diese Veränderungen unumkehrbar sind.

Ich liebe eure Flachbildschirme
Und eure geilen Beamer
Euren Sinn für Maschinenbau
Und euer Abwassersystem
Wenn das alles ist, woran ihr glaubt
Wenn das alles ist, woran ihr glaubt
Dann habt ihr ein Problem

Rainald Grebe, Diktator der Herzen

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10 Kommentare zu “Krieg und Krieg”

  1. Schoen, dass Sie weiterhin nachdenkenswerte und gute Beitraege schreiben.

    Bei der sicherlich spannenden Diskussion hier heute und spaeter bin ich aber raus.

    Ich glaube, es ist besser so. (Und Sie koenn‘ sich’s ja fuer die Zukunft nochmal ueberlegen.)

    • Achso, ’ne Frage an die anderen Diskutanten haette ich dann doch noch:

      GJ schreibt:

      «Sie [gemeint sind westl. Staaten – Nera] muss zudem dem Umstand Rechnung tragen, dass in reichen und bequem gewordenen Gesellschaften die durchschnittliche Bereitschaft gering ist, den Staat unter Einsatz des eigenen Lebens an der Front zu verteidigen.»

      Ist das so? Und wenn dem so ist, warum ist das so?

      So, und jetzt bin ich wirklich raus. Alles Gute Allen die hier lesen und diskutieren.

      • » ‚…die durchschnittliche Bereitschaft gering ist, den Staat unter Einsatz des eigenen Lebens an der Front zu verteidigen.‘
        Und wenn dem so ist, warum ist das so?»
        Vielleicht halten Viele den Staat, in dem sie leben, für nicht so verteidigenswert, dass man Leben oder Gesundheit dafür riskieren will?

        Vielleicht wären es ja Einige mehr. wenn der akute Kriegsminister statt Kriegstüchigkeit Verteidigungstüchtigkeit propagiert hätte? Dafür könnten immerhin auch pazifistische Strategien infrage kommen, und militärische Verteidigungstüchtigkeit wäre eine Notfalloption im Sinne von Katastrophenschutz.

        Wenn das nicht der Fall ist, dann gibt es eben mehr Leute, die zu gefährlichen Einsätzen bei bei der Feuerwehr bereit sind: Da weiss man was man wofür tut.

  2. Danke, dass die Kommententierfunktioen wieder (ab und zu?) geöffnet ist.

    Über Kriegstechnik kann ich mangels Kenntnissen nicht mitreden, aber Nera hat ja ein «Nebenthema» angeschnitten, zu dem ich mich doch etwas zu sagen traue.

  3. Auch Russland muss seine Soldaten mit hohen finanziellen Anreizen, Propaganda und staatlichem Druck gewinnen.

    Russland hat seit 2022 gerade keine dauerhaft offene allgemeine Mobilmachung betrieben, sondern versucht, den Personalbedarf vor allem über Vertragsrekrutierung, hohe Prämien, regionale Anreize und andere Rekrutierungswege zu decken, u.a. auch durch die Rekrutierung von Gefängnisinsassen.

    Die Teilmobilmachung von 2022 war zudem politisch derart heikel, dass der Kreml seither offenbar großen Wert darauf legt, die Kosten einer erneuten allgemeinen Mobilmachung zu vermeiden (Reuters berichtete beispielsweise 2024 über massiv erhöhte Antrittsprämien für neue Vertragssoldaten).

    Wenn Russland also tatsächlich über eine grundsätzlich höhere gesellschaftliche Bereitschaft verfügen würde, das eigene Leben für den Staat einzusetzen, wäre schwer zu erklären, warum der Kreml eine allgemeine Mobilmachung politisch so konsequent vermeidet und stattdessen enorme finanzielle Anreize benötigt, um genügend Soldaten zu gewinnen, und warum zugleich so viele junge Menschen das Land verlassen haben.

    Ich würde deshalb nicht vorschnell von ‚westlicher Dekadenz‘ oder bloßer Bequemlichkeit ausgehen. Ein Teil des Unterschieds dürfte vielmehr in der wohl stärkeren Verankerung demokratischer Prinzipien liegen, mit denen tendenziell auch ein stärkerer Individualismus verbunden ist:

    der Bürger versteht sich deshalb nicht (mehr) primär als Objekt staatlicher Anordnungen, sondern als mündiges Individuum, das staatliche Entscheidungen hinterfragen und ihre Legitimation verlangen kann.

    Hinzu kommt ein weiterer, für eine Demokratie entscheidender Punkt: die vergleichsweise freie Möglichkeit, sich ohne größere Risiken mit Informationen zu versorgen, die der staatlichen Rhetorik widersprechen.

    Was nun die sogenannte Alternativlosigkeit zur ‚Kriegstüchtigkeit und Aufrüstung‘ betrifft, dazu dürfte mein Standpunkt bekannt sein.

    • «Russland hat seit 2022 gerade keine dauerhaft offene allgemeine Mobilmachung betrieben»

      Genau genommen wurde Putins Befehl zur Teilmobilisierung nie aufgehoben. Das bietet doch Spielräume.

      «… hohe Prämien, regionale Anreize und andere Rekrutierungswege …»

      Im Prinzip richtig, aber wenn man die Realität in Russland sieht ist das schon fast verharmlosend ausgedrückt. Da ist schon ein ganz schöner Druck dahinter.

  4. Hallo allerseits,

    dieses Jahr war ich leider mehrmals für längere Zeit verhindert, mich an den Diskussionen hier zu beteiligen. Deshalb war ich gestern erstmal sehr erschrocken, dass das nun vorbei sein soll, und ich sogar die letzte Gelegenheit verpasst habe, mich bei GJ und allen Mit-Diskutanten zu bedanken.
    Es freut mich sehr, das jetzt hier (auch wenn’s off topic ist) nachholen zu können.

    Vielen herzlichen Dank an GJ für das Betreiben dieses Blogs mit nahezu immer hochkarätigen Beiträgen und der „stillen“ Moderation; vielen Dank auch an alle Diskussionskolleginnen und -kollegen für die gute Mischung in den Wortmeldungen.

    LG glenlivet

    PS: eine Bitte noch an GJ:
    Welche deutsche Textfassung haben Sie für Ihre „Lao Tse“-Zitate benutzt?
    Mit einer Weitergabe meiner E-Mail-Adresse wäre ich ebenfalls einverstanden.

  5. Im Beitrag heißt es:
    «Die personellen Verluste sind auf beiden Seiten erheblich. Sie sind jedoch zwischen den Seiten ausgeglichener als in herkömmlichen Frontkämpfen,..»

    Die Aussage ist durch keine seriöse Schätzung gedeckt. Im Gegenteil, das Verhältnis hat sich weiter zu Ungunsten Russlands verschlechtert.

    «Es gibt auf absehbare Zeit keine Lösung dafür.»

    Ach man kann schon die Produktion der Wunderwaffen so weit wie möglich erschweren.

    «dass keines der beiden Länder auch nur annähernd ein Abfangrate von 80-90% gegen Billigdrohnen erreichen kann»

    Also die Ukraine hat diesen Stand in der Praxis erreicht.

    «Es handelt sich um die Antennen für den Mobilfunk.»

    Also «ihre» Idee wird in der Ukraine schon seit langem eingesetzt. Sogar ganz ohne Radar, sondern mit Mikrofonen.

    «Weder Russland noch der Iran wird auf absehbare Zukunft europäische NATO-Staaten angreifen.»

    Ich weiß ja nicht, ich finde ihre Begründung sehr schwach. Es muss ja keine Invasion wie im Fall der Ukraine sein, wie Sie eigentlich im vorhergehenden Text ausführlich dargelegt haben.

    «.. bequem gewordenen Gesellschaften die durchschnittliche Bereitschaft gering ist, den Staat unter Einsatz des eigenen Lebens an der Front zu verteidigen. »

    Das mag für Deutschland gelten, wo man die Bundeswehr nicht ohne Aufpasser in Schulen lässt. Ich habe keinen Überblick darüber, wie es in anderen Nato Staaten aussieht. In Polen scheinen z.B. andere Verhältnisse als in Deutschland zu herrschen.