100 Tage Gegenoffensive – Eine Bilanz


Der 11. September war der hunderste Tag der ukrainischen Gegenoffensive, die selbst nach Meinung westlicher Experten langsam verläuft. Hier gehe ich der Frage nach, ob mit einer langsamen Offensive langfristig strategische Erfolge erreicht werden können.

Offensive mit Ansage

Als die erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive im Herbst 2022 im Schlamm steckenblieb und mangels Reserven und Ausrüstung in der Frostperiode nicht wiederaufgenommen werden konnte, kündigten ukrainische Politiker und Militärs zur Befeuerung des Durchhaltewillens der Bevölkerung in einem entbehrungsreichen Winter eine große Gegenoffensive im Frühjahr an. Die von der russischen Seite initiierten Kämpfe im Raum Bachmut verlangsamten den Aufbau von Reserven, hatten einen hohen Verbrauch an Artilleriemunition und hohe Verluste an Personal und Material zur Folge und banden bis in den Mai eine erhebliche Zahl kampfstarker ukrainischer Truppenteile. Zudem trocknete nach der Frühjahrsschlammperiode der Boden nur langsam ab. Der meterologische Sommeranfang (1. Juni) kam und die Offensive hatte noch nicht begonnen.

Derweil wurde in aller Offenheit die Hauptstoßrichtung diskutiert. Die ukrainischen Truppen sollten in der Region Saporischschija zum Schwarzen Meer durchbrechen, dadurch die russischen Truppen im Süden in zwei Teilfronten spalten und danach den russischen Landzugang zur Krim blockieren. Diese strategische Idee war so offensichtlich, dass die russische Seite sie auch ohne Ansage erwartet hätte. Sie nutzte den gesamten Winter und das Frühjahr, um gestaffelte Verteidigungslinien aufzubauen und die Truppen auf eine flexible Verteidigung vorzubereiten. Sie tat das auch an anderen Frontabschnitten, aber nirgends mit solchen Aufwand wie in der erwarteten ukrainischen Hauptstoßrichtung.

Die ukrainische Gegenoffensive begann nach Angaben beider Seiten am 4. Juni. Das war ein Zeitpunkt, auf den sich die russische Seite gut hatte vorbereiten können, nämlich wenige Tage nach dem Fall von Bachmut. Die ukrainische Seite versuchte sich nicht in Ablenkungsangriffen oder einer überraschenden Stoßrichtung. Sie ließ kleine Truppenteile an genau zu erwartenden Frontabschnitten in die dort angelegten MInenfelder vorrücken – und war über die Minendichte erstaunt, an der westlichen Minenräumtechnik scheiterte. Die ukrainischen Verluste waren in Bezug zur Zahl der eingesetzten Truppen und gepanzerten Fahrzeuge anfangs verheerend. Wo die ukrainischen Truppen im Juni einen Durchbruch erzielten, funktionierte die flexible russische Verteidigung anfangs nahezu tadellos. Aus dem Rückraum herangeführte russische Reserven warfen die ukrainischen Kräfte nahezu auf ihre Ausgangspositionen zurück. Dabei machte die russische Seite an der Front von ihrer Luftüberlegenheit kaum Gebrauch. Die Verteidigungslinien waren so gut vorbereitet und die Minenfelder so effektiv, dass die Frontflieger geschont werden konnten.

Mit der Zeit gelang es kleineren ukrainischen Infanterieeinheiten, oft zu Fuß, in drei Abschnitten der Südfront die Minenfelder zu räumen und zu den ersten russischen Schützengräben und russisch besetzten Dörfern durchzubrechen. Es war eine lange Zeit. Ūber die ukrainischen Verluste in dieser Zeit wissen wir wenig. Bei dieser Art der Kriegführung erwartet man jedoch höhere Verluste der Seite, die sich in der Offensive befindet, sofern sie nicht zahlenmäßig oder in der Feuerkraft deutlich überlegen ist. Das ist hier nicht der Fall. Ein solcher Abnutzungskrieg nutzt selbst bei ähnlich hohen Verlusten derjenigen Seite, die mehr Resourcen hat. Das ist Russland.

Ergebnisse der Gegenoffensive

Da das Verhältnis der russischen zu den ukrainischen Verlusten and Personal und Material sicher nicht höher ist als das Verhältnis im Mobilisierungspotential und in der Materialproduktion, lässt sich das Ergebnis der Gegenoffensive an den Frontverschiebungen messen. Dazu habe ich die Ūbersichtskarten des «Institute for the Study of War» (ISW) vom 3. Juni und 11. September 2023 miteinander verglichen. Diese Ūbersichtskarten werden täglich für vier nach Regionen bezeichnete Frontabschnitte veröffentlicht. Von Südwesten nach Nordosten sind das Cherson, Saporischschija, Donezk und Luhansk. Die gezeigten Karten sind jeweils diejenigen vom 11. September. Der Frontverlauf vom 3. Juni ist als gelbe Linie eingezeichnet. Zur besseren Sichtbarkeit habe ich Gebiete in ukrainischer Hand hellblau hinterlegt und russisches Territorium in einem satten Rotton. Wie beim ISW ist russisch besetztes ukrainisches Territorium blassrot eingefärbt, wobei es noch einmal zwei Farbtöne gibt. Eine etwas dunklere Schraffur bezeichnet Territorium, das bereits vor dem 24. Februar 2022 von Donbass-Separatisten besetzt war. Solches Territorium existiert nur in den Frontabschnitten Donezk und Luhansk. Außer im Raum Cherson tauchen auch das Schwarze Meer (grau) und die Krim (ebenfalls schraffiert) nicht auf. Der Maßstab ist in den ISW-Karten jeweils gekennzeichnet.

Frontverlauf im Raum Cherson am 11. September 2023 (eingefärbte Territorien) und rote Linie und am 3. Juni 2023 (gelbe Linie). Ukrainisches Territorium in ukrainischer Hand is blassblau hinterlegt, ukrainisches Territorium in russischer Hand blassrot. Die sichtbaren Teile der Krim sind rot schraffiert. Das schwarze Meer ist grau hinterlegt. Die scheinbare Frontverschiebung im Mittelteil resultiert ausschließlich aus der Ūberflutung von Territorium am Dnjepr nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms am 6. Juni 2023. Quelle der Karten: Institute for the Study of War.

Im Raum Cherson (Bild oben) gibt es keine in diesem Maßstab sichtbaren Frontverschiebungen, die aus Kampfhandlungen während der Sommeroffensive 2023 der ukrainischen Streitkräfte resultieren. Die im Mittelteil sichtbare gelbe Linie bezeichnet Gelände, auf dem sich am 3. Juni noch russische Verteidigungsstellungen und Minenfelder befanden, das am 6. Juni nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms überflutet wurde und seitdem noch nicht abgetrocknet ist.

Frontverlauf im Raum Saporischschija am 11. September 2023 (eingefärbte Territorien und rote Linie) und am 3. Juni 2023 (gelbe Linie). Ukrainisches Territorium in ukrainischer Hand is blassblau hinterlegt, ukrainisches Territorium in russischer Hand blassrot. Quelle der Karten: Institute for the Study of War.

Die größten Frontverschiebungen gab es Raum Saporischschija (Bild oben). Von Westen nach Osten sind das: eine kleinere Verschiebung von wenigen Quadratkilometern zu ukrainischen Gunsten bei Kamianske, eine etwa 10 Kilometer breite und bis zu 10 Kilometer tiefe Einbuchtung bei Mala Tokmatschka und Robotyne, eine kleinere Verschiebung von wenigen Quadratkilometern zu russischen Gunsten bei Myrne und eine etwa 15 Kilometer breite und bis zu 10 Kilometer tiefe Verschiebung am rechten Bildrand, die wir weiter unten diskutieren, weil sie zum Teil bereits in der Region Donezk und in deren Kartenausschnitt vollständig zu sehen ist.

Die ersten drei Frontverschiebungen zusammen kann man etwa auf 75 bis 80 Quadratkilometer zu ukrainischen Gunsten schätzen. Von diesen ist einzig die Fronteinbuchtung bei Mala Tokmatschka und Robotyne von miltärischer Bedeutung. Aus der entsprechenden Karte bei militaryland.net (13. September 2023) wird ersichtlich, dass die ukrainischen Streitkräfte in diesem Raum bei Verbove auf etwa 5 Kilometer Breite die erste befestigte russische Verteidigungslinie durchbrochen haben. Ein Vergleich mit der Karte vom 2. September zeigt allerdings, dass der Durchbruch damals schon vollendet war und die Front dadurch nicht stärker in Bewegung gekommen ist. Ob die russischen Kräfte die Verteidigungsstellungen nach ihrem Fall Anfang September inzwischen zurückerobert haben, ohne dass die Karte das zeigt, sei dahingestellt. Wenn nicht, scheint jedenfalls der schmale Streifen südlich von diesen Stellungen nicht auszureichen, um die Offensive weiterzuentwickeln. Nach dem Durchbruch von Verbove hatten hohe ukrainische Militärs und westliche Militärexperten angekündigt, dass die ukrainische Offensive nun an Fahrt aufnehmen werde. Dieser Optimismus hat sich in den darauffolgenden zwei Wochen nicht bestätigt.

Frontverlauf im Raum Donezk am 11. September 2023 (eingefärbte Territorien und rote Linie) und am 3. Juni 2023 (gelbe Linie). Ukrainisches Territorium in ukrainischer Hand is blassblau hinterlegt, ukrainisches Territorium in russischer Hand blassrot. Bereits vor dem 24. Februar von Donbass-Separatisten gehaltenes Territorium ist rot schraffiert und russisches Staatsgebiet ist sattrot hinterlegt. Quelle der Karten: Institute for the Study of War.

Die größte Frontveränderung im Raum Donezk (Bild oben) ist die bereits weiter oben erwähnte Verschiebung nahe der Grenze zwischen den Regionen Saporischschija und Donzek auf einer Breite von etwa 20 Kilometern mit einer Tiefe von bis zu 10 Kilometern. Hier hat die ukrainische Seite eine zuvor zu russischen Gunsten bestehende Fronteinbuchtung beseitigt. Eine strategische Bedeutung ist für mich nicht ersichtlich. Wie die Karte bei militaryland.net zeigt, befindet sich die Frontlinie in diesem Raum noch etwa 15 Kilometer nördlich der ersten befestigten russischen Verteidigungslinie. Bis nach Mariupol am Asowschen Meer sind es von der Frontlinie noch etwa 100 Kilometer. Der territoriale Gewinn ist mit etwa 150 Quadratkilometer abzuschätzen.

Eine weitere Frontverschiebung um etwa 25 Quadratkilometer zu ukrainischen Gunsten hat es bei Konstyantynivka etwa 15 Kilometer südlich von Bachmut gegeben. Die ukrainische Seite spricht im Zusammenhang mit Kampfhandlungen bei Bachmut gern von einer geplanten Umzingelung der Stadt. Ich denke nicht, dass die bisherigen Ergebnisse der diesbezüglichen ukrainischen Bemühungen russische Generäle schlaflos machen.

Frontverlauf im Raum Luhansk am 11. September 2023 (eingefärbte Territorien und rote Linie) und am 3. Juni 2023 (gelbe Linie). Ukrainisches Territorium in ukrainischer Hand is blassblau hinterlegt, ukrainisches Territorium in russischer Hand blassrot. Bereits vor dem 24. Februar von Donbass-Separatisten gehaltenes Territorium ist rot schraffiert und russisches Staatsgebiet ist sattrot hinterlegt. Quelle der Karten: Institute for the Study of War.

Auf der Karte der Region Luhansk (Bild oben) ist die Frontverschiebung bei Konstyantynivka noch einmal abgebildet. Die beiden anderen Frontverschiebungen in dieser Region sind solche zu russischen Gunsten, 15 Kilometer südöstlich von Svatove und bei Kupyansk. Im Vergleich zu den anderen Karten wirken sie nicht so bedeutend, doch ist hier der Maßstab ein anderer. Südöstlich von Svatove sind es bis zu 5 Kilometer auf etwa 15 Kilometern Breite und bei Kupyansk etwa 5 Kilometer auf 20 Kilometern Breite. Ein strategisch bedeutsames Vorrücken der russischen Streitkräfte kann ich hier aber auch nicht erkennen. Das strategisch bedeutende Ziel wäre die Nord-Süd-Bahnlinie, die Kupyansk berührt und dann weiter über Oskil, Lyman und Siversk in Richtung Bachmut verläuft. Wenn die russische Seite weiter in diesem Tempo Boden gewinnt, wird sie die Bahnlinie irgendwann im nächsten Jahrhundert erreichen. Die gesamten russischen Gebietsgewinne im Raum Luhansk lassen sich auf 100 Quadratkilometer schätzen.

Netto ergibt sich nach meinen Schätzungen für die ersten 100 Tage der ukrainischen Sommeroffensive ein Gebietsgewinn von 155 Quadratkilometern. Lassen wir es 200 Quadratkilometer sein. Am 14. November 2022, nach dem Auslaufen der ukrainischen Herbstoffensive, hatte die «New York Times» den russisch besetzen Teil der Ukraine auf noch 18% beziffert. Wir vernachlässigen hier einmal die nicht sehr großen russischen Gebietsgewinne zwischen dem 14. November 2022 und dem 4. Juni 2023, obwohl diese vermutlich doch noch größer waren als 200 Quadratkilometer. Die Fläche der Ukraine beträgt 603’700 Quadratkilometer, 18% davon sind 108’666 Quadratkilometer. Die Sommeroffensive hat also in 100 Tagen etwa 0.18% des zu ihrem Anfang noch besetzten ukrainischen Territoriums befreit. Geht sie in diesem Tempo weiter, so werden die ukrainischen Kriegsziele nach weiteren 54’233 Tagen erreicht sein. Das sind 148 Jahre und 213 Tage.

Die Bedeutung des Zeitfaktors

Von westlicher Seite wird gern kolportiert, dass sich die ukrainische Offensive stark beschleunigen werden, wenn einmal die erste russische Verteidigungslinie durchbrochen sei. Wie wir oben gesehen haben, hat sich das bei Verbove nicht bewahrheitet. Es ist auch nicht wahrscheinlich, weil es mehrere befestigte Verteidigungslinien gibt und die russische Seite weiterhin Verteidigungsanlagen baut. Der letztere Punkt verdeutlicht die Bedeutung des Zeitfaktors. Das Tempo der ukrainischen Sommeroffensive 2023 dürfte die russischen Verteidigungsanlagen weniger stark abgenutzt haben, als sie weiter südlich verstärkt wurden. Russland muss es auf ein paar Kilometer Frontverschiebung nicht ankommen. Strategisch bedeutend ist die Landverbindung zur Krim. Ich sehe derzeit nicht, wie die ukrainische Seite diesen in den kommenden Jahren unterbrechen könnte.

Das geringe Tempo der ukrainischen Offensive hat neben den gut ausgebauten russischen Verteidigungsstellungen, den gut auf diese Kriegsphase vorbereiteten russischen Truppen und der russischen Luftüberlegenheit auch noch den Grund, dass die ukrainische Seite einen geringeren Teil ihrer kampfbereiten Truppen eingesetzt hat, als bei einer Offensive üblich ist und dass es an keinem Frontabschnitt eine lange Phase hochintensiver ukrainischer Angriffe gab. Die Reserven wurden auch nicht eingesetzt, um an anderen Frontabschnitten Ūberraschungsangriffe zu führen, vermutlich deshalb nicht, weil die russische Seite die gesamte Frontlinie hinreichend befestigt hat. Wenn die ukrainische Seite nach der Zeit der Weglosigkeit im Herbst oder auch erst im späten Frühjahr 2024 die Offensive in der gleichen Weise wiederaufnimmt, sind keine größeren Erfolge zu erwarten als in diesem Jahr, eher noch geringere.

Allerdings hat sich die ukrainische Führung aus guten Gründen entschieden, nach den ersten beiden verlustreichen Wochen Anfang Juni die Intensität der Offensive zu verringern. Mit einem schnellen Durchbruch war in keinem Fall zu rechnen und die ukrainische Wehrmoral ist lange nicht so gut, wie westliche Medien schreiben. Die ukrainische Führung muss vermeiden, dass breite Teile der Bevölkerung den Sinn dieses Kriegs in Frage stellen und deshalb müssen die Verluste erträglich bleiben. Mit erträglichen Verlusten wird man aber den eigenen Kriegszielen nicht wesentlich näherkommen.

Wohin soll das führen?

Die ukrainische Regierung führt diesen Krieg weiter und in der oben geschilderten Weise weiter, weil ihr nichts Anderes einfällt. Sie hat keinen Plan B und sie hat eigentlich auch keinen Plan A mehr, weil sie weiß, dass Plan A (Krieg bis zur Befreiung des ganzen Landes) illusorisch ist. Dieser Ideenmangel ist allerdings keine Frage fehlender Intelligenz oder fehlender Fantasie. Es gibt schlicht keine Alternative zur Weiterführung des Kriegs mit mittlerer Intensität. Neben der Frage der Verluste ist eine deutlich höhere Intensität auch nicht lange durchzuhalten und danach würde man eine russische Ggenoffensive riskieren. In jedem Fall würde die Ausweglosigkeit dann breiten Teilen der Bevölkerung bewusst. Umgekehrt ist eine deutliche Verringerung der Intensität aber auch nicht möglich, weil dann der Anschein nicht mehr aufrechtzuerhalten wäre, dass man den eigenen Kriegszielen überhaupt noch näherkommt. Auch dann würde die Bevölkerung den Sinn des Kriegs und die Eignung der Regierung in Frage stellen.

Die ukrainische Regierung kann auch nicht in Waffenstillstands- oder Friedensverhandlungen eintreten. Wenn sie selbst dazu die Initiative ergreifen würde, gäbe sie angesichts des besetzten Territoriums von weiterhin 18% die eigene Schwäche öffentlich zu und wäre in einer sehr schlechten Verhandlungsposition. Auch dann würde die Bevölkerung nach all den Verlusten und Entbehrungen die Eignung der Regierung in Frage stellen.

Eigentlich führt die ukrainische nur noch einen Propagandakrieg um die Meinung der eigenen Bevölkerung, diesen jedoch mit Einsatz militärischer Mittel, um den Schein einer signifikanten Offensive aufrechtzuerhalten. Gleichermaßen führen die westlichen Regierungen die Unterstützung der Ukraine aus Propagandagründen weiter, weil auch deren Bevölkerungen die Eignung ihrer Regierungen (noch stärker als so schon) in Frage stellen würden, wenn das ganze bisherige Ukraine-Kriegs-Narrativ sichtlich zusammenbräche.

Dieses «Weiter so!» aus Propagandagründen kann auch nicht gut gehen. Man kann das Publikum nicht ewig mit ein paar Drohnen, die die russische Luftabwehr beschäftigen und gelegentlichen Zerstörungen eines russischen Luftverteidigungssystems oder Beschädigungen von Kriegsschiffen bei Laune halten. Der Krieg kostet Geld, wie jeder weiß, und für dieses Geld will man wenigstens Erfolge sehen, die einen Sieg wahrscheinlich machen.

Hier hat nur einer viel Zeit. Dieser Eine heißt Putin.

Anhang (18. September 2023, 6:45 Uhr)

Frontverlauf bei Klischtschijiwka. Der gelbe Pfeil weist auf den Ort. Eine Zangenbewegung gegen Bachmut selbst ist nicht erkennbar. Quelle der Karte: militaryland.net

227 Antworten zu “100 Tage Gegenoffensive – Eine Bilanz”

  1. Institute for the Study of War:

    Die russische Seite scheint im Raum Kupyansk/Lyman eine Offensive begonnen zu haben, die aber nur langsam vorankommt. Geolokalisiertes Bildmaterial zur Bestätigung gibt es bisher keines. southfront.press fasst die russischen Behauptungen zusammen.

    Umgekehrt behauptet die ukrainische Seite, sie käme bei Bachmut voran. Auch von dort gibt es kein geolokalisiertes Bildmaterial.

    An der Südfront gibt es keine bestätigten Frontverschiebungen.

    • Jerome meldet das (gestern 21:00 Uhr MESZ):

      Die Invasionstruppen rückten nach monatelangen erfolglosen Versuchen auf die M-30 südlich von Avdiivka vor.

      Die russischen Streitkräfte versuchten, ukrainische Stellungen in Marinka zu stürmen, wobei sich herausstellte, dass die Verteidiger einen größeren Teil der Siedlung kontrollieren als bisher angenommen. (Quelle)

      Der ukrainische Generalstab meldet abgewehrte Angriffe in der Nähe von:
      Synkiwka, Iwaniwka, Makiwka, Awdiwka, Krasnohoriwka, Marinka, Wodjan, Nowomychailiwka, Zolota Njwa

      Sonst nichts – bzw. Angriff auf Israel.

      • «Die Invasionstruppen rückten nach monatelangen erfolglosen Versuchen auf die M-30 südlich von Avdiivka vor.»

        Das bedroht die ukrainischen Truppen in Avdiivka nicht unmittelbar. Aus meiner Sicht wäre eine russische Offensive gegen Avdivka in näherer Zukunft aussichtslos, wie Marinka zeigt.

        • Danke, dachte ich mir schon. Sie hatten sicher schon einen Blick auf Militaryland.net geworfen.

          Nach dem 50. Punkt ein Neubeginn. Klar, das bringt mehr Uebersicht. (Deswegen sind die aelteren Kommentare ja nicht im schwarzen Loch verschwunden.) Hat «der Kerl» in Ihren Diensten ganz gut gemacht, finde ich. (Hat der denn auch einen Namen?)

  2. Nach der mutmaßlichen Beschädigung der Pipeline Finnland/Estland kündigt Stoltenberg eine NATO Reaktion an, falls es sich um einen Angriff handelt.
    Das könnte ein offizieller Kriegseintritt der NATO bedeuten.
    Natürlich nur, wenn der richtige verantwortlich ist.
    An eine großangelegte Reaktion glaube ich aber noch nicht, das Risiko wäre enorm.
    Es könnte sich auch um Nachahmer handeln.
    Es zeigt zumindest, wie labil die Welt geworden ist und durch die Vernetzung und Abhängigkeiten überall Konflikte ausbrechen können. Unsicherheit fördert unangemessene Reaktionen.

  3. ISW:

    «Die russischen Streitkräfte haben wahrscheinlich am 10. Oktober eine umfangreiche und andauernde Offensive um Awdijiwka in der Oblast Donezk gestartet. Das ISW beobachtete, dass die russischen Streitkräfte ab dem 10. Oktober gleichzeitig nordwestlich, westlich und südlich von Avdiivka mit gepanzerten Angriffsgruppen, Hubschraubern und konzentrierter Artillerie angriffen. Der Leiter der Militärverwaltung der Stadt Avdiivka, Vitaliy Barabash, gab an, dass die russischen Streitkräfte Angriffe mit Luftunterstützung in zehn bis zwölf Richtungen um die Siedlung durchführen. Ukrainische Militärbeobachter bezeichneten die russischen Offensivoperationen gegen Avdiivka als «Großangriff» und stellten fest, dass die russischen Streitkräfte eine ungewöhnlich hohe Anzahl gepanzerter Fahrzeuge im Kampf einsetzten. Der verstärkte Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen und Flugzeugen durch die russischen Streitkräfte – neben anhaltenden gleichzeitigen Bodenangriffen – deutet darauf hin, dass die russischen Streitkräfte eine Offensive durchführen, die in Umfang und Absicht bedeutender ist, als das ISW zuvor am 10. und 11. Oktober eingeschätzt hatte. Das ISW revidiert seine Einschätzung, dass es sich bei den russischen Angriffen rund um Avdiivka um lokale Bemühungen handelt, die ausschließlich darauf abzielen, die ukrainischen Streitkräfte in Schach zu halten, ist jedoch nicht bereit, die genauen Ziele und wahrscheinlichen Ergebnisse der russischen Bemühungen in Richtung Avdiivka zum jetzigen Zeitpunkt zu beurteilen.» (Hervorhebung im Original)

  4. Reisner:
    «Das heißt, wir haben viele Krisen, die nacheinander entstehen, die miteinander im Zusammenhang stehen.»
    Gut, daß wir «Experten» haben.
    Der Wetterbericht für 12 Uhr kann ich um 12 auch erstellen.

    Vieles war absehbar, ………..gut daß wir die herkömmlichen Wattestäbchen verboten haben. Vielleicht hilft das weiter.

  5. Ukraine beklagt Kriegsmuedigkeit der Geldgeber.

    «Es sei schwieriger, finanzielle Hilfe zu sichern, sagte Finanzminister Serhij Martschenko der Nachrichtenagentur Reuters. Im Vergleich zum April müsse sich die Ukraine doppelt so stark um Hilfszusagen bemühen. ‹Ich sehe viel Müdigkeit, ich sehe viel Schwäche bei unseren Partnern›, sagte er am Rande des Treffens von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) in Marrakesch. ‹Sie würden den Krieg gerne vergessen, aber der Krieg ist immer noch im Gange, in vollem Umfang›.» (Quelle: tagesschau.de)

    Dazu Frau Baerbock: «Wir sind alle Israelis in diesen Tagen.»

    Aeh – Ja, klar.

  6. Jerome vom 14. Oktober 21:00 Uhr (MESZ):

    «Die ukrainische 32. mechanisierte Brigade griff die russischen Stellungen nordöstlich von Iwaniwka an. Wir kennen das Ergebnis des Angriffs nicht, aber er hat gezeigt, dass der Feind hier mehr Boden kontrolliert, als wir wussten.

    Die russischen Streitkräfte erreichten die Eisenbahnlinie zwischen Krasnohorivka und Stepove. (Quelle)
    Den Invasionstruppen gelang es, eine Aschehalde nördlich von Avdiivka zu erreichen. Ob es ihnen auch gelungen ist, die Kontrolle darüber zu erlangen, ist nicht bekannt. (Quelle)
    Der Feind führt weiterhin eine Offensivoperation durch, um Awdijiwka einzukesseln, mit geringem Erfolg und schweren Verlusten. (Quelle)

    Der Feind rückt südlich von Nowomychailiwka durch eine Baumreihe vor. (Quelle)
    Ukrainische Truppen rücken in Richtung Pryiutne vor und drängen die Russen hinter ein nahe gelegenes Gewässer. (Quelle)

    Soldaten der ukrainischen 128. Gebirgsbrigade griffen die russischen Stellungen nördlich von Kopani an. (Quelle)

    Der ukrainische Generalstab meldet abgewehrte Angriffe in der Nähe von: Makiivka, Torske, Synkivka, Ivanivka, Avdiivka, Tonenke, Pervomaiske, Marinka, Robotyne.»

    (Uebersetzung: DeepL)

    • Institute for the Study of War

      Cherson

      Keine Frontverschiebungen.

      Saporischschija

      Keine bestätigten Frontverschiebungen.

      [ISW berichtet über nur einen Tag, Jerome über mehrere – izitiwab]

      Donezk

      «Die russischen Streitkräfte setzten am 14. Oktober ihre Angriffe in der Nähe von Bakhmut fort und rückten weiter vor. Die am 14. Oktober veröffentlichten geografischen Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte östlich von Orikhovo-Vasylivka (10 km nordwestlich von Bakhmut) vorrückten.»

      «Die russischen Streitkräfte setzten am 14. Oktober ihre Offensivaktionen in der Nähe von Awdijiwka fort und rückten weiter vor. Geolokalisierte Aufnahmen, die am 13. Oktober veröffentlicht wurden, zeigen, dass die russischen Streitkräfte zwei Kilometer nordwestlich von Awdijiwka geringfügig nördlich einer Abfallhalde vorrückten.»

      «Weitere am 14. Oktober veröffentlichte geolokalisierte Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte auch südlich von Avdiivka vorgerückt sind.»

      [Jerome hat aber Recht, dass hier zumindest bisher nicht von einer erfolgreichen Grossoffensive bei Avdiivka gesprochen werden kann – izitiwab]

      «Am 14. Oktober veröffentlichte geografische Aufnahmen zeigen, dass die ukrainischen Streitkräfte nördlich von Marinka (westlich von Donezk) vorrücken.»

      Luhansk

      «Die russischen Streitkräfte setzten am 14. Oktober ihre Offensivoperationen an der Linie Kupjansk-Swatove-Kreminna fort und rückten südwestlich von Swatove geringfügig vor. Geolokalisierte Aufnahmen, die am 13. Oktober veröffentlicht wurden, zeigen, dass die russischen Streitkräfte entlang einer Straße östlich von Makiivka geringfügig vorrückten.»

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