Diener des Volkes


20 Monate danach Nach anderthalb Monaten Krieg hätte die Ukraine unter Verzicht auf eine spätere NATO-Mitgliedschaft Frieden haben können. Der britische Premierminister Boris Johnson hat der ukrainischen Führung damals gesagt, sie solle gar nichts mit den Russen unterzeichnen, sondern weiter Krieg führen.

Diese Zusammenfassung dieses Blogbeitrags klingt nicht sehr neu. Solche Behauptungen sind schon lange im Umlauf; ich selbst habe sie gelegentlich als sehr wahrscheinlich bezeichnet. Seit dem vergangenen Freitag haben sie nicht mehr den Status von Behauptungen, sondern von Fakten.

Ein Verhandlungsführer packt aus

Der Fraktionsvorsitzende der Selenskyj-Partei «Diener des Volkes», Dawid Arachamija, hat am 24. November in einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender «1+1» bestätigt, dass Russland der Ukraine im März 2022 ein Ende des Krieges gegen Zusicherung der Neutralität angeboten hat. Arachamija war der ukrainische Verhandlungsführer bei den Friedensgesprächen mit Russland in Istanbul (29.-30. März 2022). Die ukrainische Seite «Radio Swoboda» schreibt: «Arachamija fügte hinzu, dass der britische Premierminister Boris Johnson, der zu diesem Zeitpunkt in Kiew eintraf, der Ukraine riet, nichts zu unterschreiben und «einfach zu kämpfen».»

Wie nicht anders zu erwarten, findet sich unter dem Interview auf YouTube ein Reihe sarkastischer Kommentare. Ein User @George-zr8lb schreibt beispielsweise: «Wenn es nicht Arachamija gewesen wäre, der dies gesagt hat, würden sich alle Pressedienste sofort darauf stürzen und sagen, dass dies eine Aktion des FSB [russischer Geheimdienst] und die Hand des Kremls ist…». Der User schreibt auf Russisch und hat bei anderen Usern den Spitznamen «Juri der Große»; George und Juri haben die gleiche Wurzel. Unrecht hat er gleichwohl nicht. Zum Beispiel hat sich Ruptly (der russische Propagandasender RT) sofort auf dieses Interview gestürzt, während meine Suche nach Berichten in anderen deutschsprachigen Medien nur einen Beitrag der dissidenten «Berliner Zeitung» finden konnte.

Es stellt sich die Frage, warum Arachamija plötzlich Argumente bestätigt, die von der anderen Seite seit langem vorgebracht werden. Darauf komme ich weiter unten zurück. Um diesen Punkt diskutieren zu können, muss ich zunächst analysieren, was Arachamija gesagt hat.

Was geschah Ende März und Anfang April 2022?

Da ich selbst einem längeren Video-Interview in ukrainischer Sprache nicht folgen kann, gehe ich von der sekundären Berichterstattung der Ukrainska Pravda (24.11., Olena Roschtschina, englisch), von Radio Swoboda (25.11, anonym, russisch) und von lb.ua (25.11. abends, anonym, ukrainisch) aus. Der Artikel von Olena Roschtschina ist professionell geschrieben und bietet einen guten Einstieg. Das Interview auf «1+1» hat Natalija Moseitschuk geführt, die regelmäßig ukrainische Politiker interviewt.

Roschtschina schreibt, dass Moseitschuk das Interview mit der Feststellung eröffnet habe, dass Wladimir Putin im Juni 2023 afrikanischen Staatsführern im Juni 2023 einen fertigen Entwurf einer Vereinbarung «Über die dauerhafte Neutralität der Ukraine und Sicherheitsgarantien» vorgelegt hat. Dieser sei gemäß Putins Äußerungen auf Treffen in Belarus im März 2022 ausgehandelt und in Istanbul fertiggestellt worden. Er enthalte 18 Artikel, in denen selbst die militärische Ausrüstung und Personalstärke der ukrainischen Streitkräfte geregelt sei. Laut Putin habe Arachamija dieses Dokument unterzeichnet.

Arachamija wendet ein, dass nur der Präsident Selenskyj einen Vetrag hätte unterzeichen dürfen. Das trifft einerseits zu, ist aber andererseits ein Ablenkungsmanöver. Es ist üblich, dass Verhandlungsführer derartige Vereinbarungen paraphieren, ein Wort, das auch «Radio Swoboda» verwendet. Später unterzeichnen die Staatschefs und danach ratifizieren die Parlamente den Vertrag.

Wir dürfen vermuten, dass Arachamija die Vereinbarung tatsächlich paraphiert hat. Forbes zitierte damals Arachamija mit den Worten, Russland habe am 1. April 2022 allen ukrainischen Positionen zugestimmt, mit Ausnahme des ukrainischen Standpunkts zur Krim-Frage. Forbes zitierte weiterhin den ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba dahingehend, dass die russische Seite dem Entwurf nicht schriftlich zugestimmt habe, aber mündliche Antworten zu allen ukrainischen Positionen gegeben habe. Die originale Berichterstattung, auf die sich Forbes bezog, findet sich bei der ukrainischen Agentur Interfax-Ukraine. Dort wird Kuleba mit den Worten zitiert, man sei nun weit genug, um ein Treffen der Präsidenten ins Auge zu fassen. Ich hatte damals, noch auf freitag.de, vermutet, dass der Westen die Ukraine zu einer Verhandlungslösung drängen würde. Da hatte ich die Intelligenz westlicher Politiker wohl überschätzt.

Das russische Pendant Interfax meldete damals, der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski habe Arachamijas Behauptung widersprochen, dass Russland die ukrainischen Positionen übernommen habe. «Ich kann nur wiederholen, dass die zuvor vereinbarten Punkte, nämlich der neutrale, bündnisfreie, nicht-nukleare Status der Ukraine, das Verbot ausländischer Militärstützpunkte, die Weigerung, ausländische Truppen zu stationieren und offensive Raketenwaffen zu stationieren, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln und zu produzieren, Übungen mit ausländischen Truppen nur mit Genehmigung der Garantiegeberstaaten, einschließlich Russlands, durchzuführen und ein System internationaler Sicherheitsgarantien für eine neutrale Ukraine zu schaffen – all diese Vereinbarungen wurden in Istanbul getroffen. Das ist es eigentlich, was Russland seit 2014 beharrlich und konsequent anstrebt.»

Arachamija räumte am vergangenen Freitag auf «1+1» ein, dass die Neutralität der Ukraine tatsächlich das hauptsächliche russische Verlangen gewesen sei. Alles andere, Denazifizierung und Rechte der russischsprachigen Bevölkerung seien Propagandafiguren gewesen. Dann fuhr Arachamija fort: «Als wir aus Istanbul zurückkehrten, kam Boris Johnson nach Kiew und sagte, wir würden nichts mit ihnen unterschreiben, sondern nur kämpfen.» Das dürfte die Äußerungen Arachamijas vom 1. April, direkt nach der Rückkehr aus Istanbul erklären. Mit diesen Äußerungen wurde wohl bereits der Abbruch der Verhandlungen vorbereitet, für den als Vorwand die Ereignisse von Butscha ins Spiel gebracht wurden.

Interessant ist auch, dass Arachamija der Meinung ist, dass die Ukraine in den Verhandlungen 8 von 10 Punkten erreicht habe, weil die Russen sich dennoch von Kiew zurückgezogen hätten. Dieser Rückzug fand bereits parallel zu den Verhandlungen in Istanbul statt. Er war möglicherweise keine Geste russischen guten Willens sondern eine militärische Notwendigkeit. Der stellvertretende russische Verteidigungsminister, Alexander Fomin, hatte diesen Rückzug am ersten der beiden Istanbuler Verhandlungstage bekanntgegeben. Die ukrainischen Truppen waren einen Tag nach den Verhandlungen, am 1. April, nach Butscha eingerückt. Von Interesse ist, dass Arachamija in seinem Interview vom vergangenen Freitag Butscha mit keinem Wort erwähnt. Hingegegen räumte er ein, er habe im März 2022 eine Einkesselung von Kiew für möglich gehalten.

Arachamijas Begründung für den Abbruch der Verhandlungen ist vielmehr: «Um in diesem Punkt [der Neutralität – izitiwab] zuzustimmen, muss zunächst die Verfassung geändert werden. Unser Weg zur NATO ist in der Verfassung festgeschrieben.» Man beachte die Zeitform in diesem Satz. Nun wäre das auch damals kein Problem gewesen. Selenskijs Partei «Diener des Volkes», deren Vorsitzender Arachamija ist, hatte bei den Parlamentswahlen 2019 von 450 Sitzen 254 gewonnen. Weitere 43 Sitze waren auf die zweitstärkste Partei, die «pro-russische» OPZZh von Jurij Boiko, entfallen. Eine weitere pro-russische Partei, der Oppositionsblock von Jewgenij Murajew, hielt 6 Sitze. Zusammen sind das 303 Sitze, wobei eine Verfassungsänderung 300 Stimmen erfordert hätte. Zwar waren die Aktivitäten der OPZZh und des Oppositionsblocks am 20. März 2022 durch den Nationalen Sicherheitsrat der Ukraine untersagt worden. Ihre parlamentarische Gruppen wurde aber erst am 14. April 2022 aufgelöst. Die beiden Parteien wurde erst im Juni 2022 verboten. Wenn die ukrainische Führung sich Anfang April zum Friedensschluss bereit gefunden hätte, hätte sich ein Mehrheit für die Verfassungsänderung gefunden.

Weiter führt Arachamija aus, die Ukraine habe den russischen Sicherheitsgarantien nicht vertraut. Deshalb hätten auch weitere westliche Partner von der Vereinbarung abgeraten.

Warum kommt das jetzt ans Licht?

Die Frage nach dem Beweggrund Arachamijas zu diesem Interview stellte sich nicht nur mir. Die Seite lb.ua betitelt ihren Beitrag «Die Sache Arachamija» und leitet ihn so ein: «Warum hat sich der Vorsitzende der Präsidentenfraktion entschlossen, uns diese Details mitzuteilen, die im Übrigen nicht das ganze Bild widerspiegeln?» lb.ua stellt die Verhandlungen als eine ukrainische Verzögerungstaktik dar, um währenddessen westliche Unterstützung für die Kriegsführung organisieren zu können. Gleichzeitig habe Putin die Verhandlungsführung nicht hochrangig besetzt, weil er anfangs mit einem erfolgreichen Blitzkrieg gerechnet habe. Die Seite lb.ua erinnert daran, dass Selenskyj am 20. März auf ein Treffen beider Präsidenten, also direkte Gespräche mit Putin gedrängt habe. Sie gibt an, Insider-Informationen über die Verhandlungen zu haben.

«Wir haben gefordert, dass sich die russische Armee auf die Linien vom 23. Februar zurückziehen muss. Und wir baten die NATO-Mitglieder, China und Russland, uns Sicherheitsgarantien zu geben, die sich nicht auf die vorübergehend besetzten Gebiete beziehen würden.

Die Delegation wies damals darauf hin, dass die Ukraine einem neutralen Status zustimmen und ausschließen könnte, der NATO beizutreten. Sie sprach auch davon, die Streitkräfte der Ukraine zu reduzieren und militärische Übungen nur mit Zustimmung Russlands und interessanterweise auch Chinas durchzuführen. Im Gegenzug würden die EU-Staaten einen schnellen Beitritt der Ukraine zur Gemeinschaft garantieren. Die Ukraine müsste die Krim-Frage innerhalb von 15 Jahren mit Russland regeln und auf die Option einer militärischen Lösung verzichten. Über all diese Vereinbarungen sollten in einem gesamtukrainischen Referendum abgestimmt werden.» Von einem solchen Referendum über die Neutralität der Ukraine hatte Selenskyj am 27. März 2022 tatsächlich gesprochen, wie damals Reuters berichtete.

Damit bestätigt die Seite lb.ua die Eckpunkte der Vereinbarung, die Ende März 2022 auf dem Tisch lag. Diese Seite ist ukrainisch-patriotisch; ihre Chefredakteurin Sonja Koschkina hat ein Buch über die Maidan-Ereignisse 2014 geschrieben. Der Beitrag kolportiert folgende Sicht auf die Verhandlungen: «All dies diente nur dazu, Zeit zu gewinnen, damit wir uns angemessen verteidigen können», so die Quellen von LB.ua, «obwohl einige der Verhandlungsteilnehmer sich selbst für wichtig hielten und glaubten, dass einige Vereinbarungen ernsthaft möglich seien.»

Ich denke, hier spricht Koschinka (oder ihr Team) einen wichtigen Punkt an. In der ukrainischen Delegation gab es verschiedene Standpunkte. Die Dynamik der Verhandlungen wurde auch dadurch beeinflusst, dass der ukrainische Inlandsgeheimdients SBU ein wichtiges Mitglied der ukrainischen Delegation, Denis Kireew, bereits Anfang März 2022 umbrachte. Kireew soll als Spion des ukrainischen Militärgeheimdiensts unter Kyrylo Budanow für die Ukraine die russischen Angriffspläne auf den Flughafen Hostomel bei Kiew gefunden haben. Daraufhin wurde dieser Flughafen vor Kriegsbeginn so weit unbrauchbar gemacht, dass es der russischen Seite nicht gelang, dort Luftlandetruppen zu einer handstreichartigen Einnahme von Kiew in ausreichender Stärke einzufliegen.

lb.ua fährt dann über die Lage ab dem 2. April 2022 fort: «Die Führer unserer Partnerländer sprachen nicht mehr von Versöhnung – die Frage der Verteidigung unseres Landes war von der gesamten demokratischen Welt gelöst worden.» Hier scheinen mir Patriotismus und Optimismus mit dem lb.ua-Team durchzugehen. Die Entscheidung von Anfang April 2022 war falsch. Das jetzt noch zu leugnen, zeugt von erheblicher Realitätsverweigerung. Auch ist gegenwärtig unklar, wie lange und in welchem Ausmaß die westliche Unterstützung der Ukraine noch anhalten wird. Johnson ist kein Garant mehr für irgendetwas.

lb.ua korrigiert Arachamija bezüglich des Datums des Besuchs von Johnson in Kiew. Dieser habe erst am 9. April 2022 stattgefunden. Das ist zweifellos korrekt. Die Erinnerung Arachamijas kann nichtdestoweniger der Sache nach richtig sein. Die Signale von westlicher Seite, auch von Johnson, können bereits am 1. April ergangen sein. So etwas erfordert keinen persönlichen Besuch. Ein solcher findet statt, um derartigen Signalen größeres Gewicht zu geben. Kiew wird am 1. April schon deshalb mit London telefoniert haben, weil die Haltung Johnsons seit dem 6. März 2022 bekannt war. Zur Rolle Johnsons bemerkt lb.ua «Die Geheimdienstquellen von LB.ua behaupten übrigens, dass London im Gegensatz zu Washington, Berlin oder Paris nicht an einen Erfolg des Blitzkriegs glaubte.»

Im Übrigen stellt lb.ua das Narrativ von Arachamija im Wesentlichen wieder her, indem die Seite eine Äußerung Putins vom 11. April 2022 zitiert: «Ich habe erfahren, dass die ukrainische Seite ihre Position zu den Verhandlungen geändert hat.» Der Politikwechsel der Ukraine bezüglich der Verhandlungen hat insgesamt etwa zehn Tage gebraucht. Während dieser Zeit war Johnson in Kiew und dürfte dort Garantien abgegeben haben. Zwanzig Monate später stehen diese Garantien angesichts schwindender westlicher Ressourcen und eines Wandels der Bevölkerungsmeinung möglicherweise in Frage. Am 20. April 2022 hatte Russland noch einmal Dokumente an die Ukraine übergeben. Darauf ging die ukrainische Seite nicht mehr ein. Seit Mai 2022 hat es keine Verhandlungen mehr über eine Beilegung des Konflikts gegeben. Am 30. September dekretierte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine, dass Verhandlungen mit Putin unmöglich seien. Am 4. Oktober 2022 hat Selenskyj dieses Dekret unterzeichnet.

Was führende Medien nicht schreiben

Ob die Ukrainska Pravda, Radio Swoboda, Ruptly oder die Berliner Zeitung – alle führenden Medien lassen Information aus dem Interview aus, die wichtig ist, um Arachamijas Beweggründe zu verstehen. Arachamija sagte im Interview mit Moseitschuk auf «1+1», die Ukraine solle jetzt nicht mit Russland verhandeln, weil sie sich in einer schlechten Position befände. Das ist eine euphemistische Umschreibung von: Die Ukraine befindet sich inzwischen in einer sehr viel schlechteren Verhandlungsposition als Ende März 2022.

Und dann zitiert lb.ua eine Aussage Arachamijas, welche erstaunlicherweise sogar Ruptly überhört hat: «Wenn es ein organisches Ende gibt, wie in Korea, wo nichts unterschrieben wurde, dann ist es möglich. Aber wenn jemand etwas unterschreibt und es dann im Parlament ratifiziert werden muss, wird sich das Parlament einfach gegenseitig umbringen. Es wird sehr polarisierte Ansichten geben.» Ich gebe Arachamija hier Recht. Eine Verhandlungslösung ist in der Ukraine derzeit nicht durchsetzbar. Andererseits muss die Ukraine den Krieg zu einem Ende bringen – dazu unten mehr. Ein Einfrieren der Front auf der Basis mündlicher Abmachungen schein derzeit der einige gangbare Weg zu sein. Ob sich Putin darauf einlässt, ist eine andere Frage; lb.ua bezweifelt das mit gutem Grund. lb.ua hat auch mit einem anderen Angehörigen der Fraktion von «Diener des Volkes» geredet. Dieser hat erwähnt, dass Arachamija die «koreanische Lösung» bereits im Frühsommer 2023 ins Spiel gebracht hat.

Dann kommt lb.ua zu einer Frage, die alle anderen Medien übersehen haben: «Warum spricht einer der Führer der Regierungsmannschaft gerade jetzt über Verhandlungen mit Russland?» Ja, warum wohl?

Die Lage ist aussichtslos, aber nicht schwierig

Die intelligente Koschkina (oder ein intelligenter Journalist ihres Teams), schreibt ironisch, dass die passende Verschwörungstheorie offensichtlich sei: Es solle die Reaktion der Öffentlichkeit getestet werden. Koschkina, die zu den «Um-keinen-Preis-Einlenkern» gehört, mag das natürlich nicht. Das dürfte der Grund für den ausführlichen Artikel auf lb.ua sein. Zum Schluss argumentiert dieser Artikel, die Frage einer Verhandlungslösung seit im diesem Herbst zwar viel diskutiert worden, aber: «Öffentlich und privat sagen Regierungsvertreter, dass uns niemand zu Verhandlungen zwingt. Unsere Partner sagen offiziell das Gleiche.» Das Wort «offiziell» im letzten Satz lässt Zweifel erkennen.

Die Zweifel der «Hindustan Times» gehen noch weiter. In einem Video geht sie auf die jüngsten Äußerungen des Vorsitzenden des ukrainischen Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Aleksei Danilow, ein und stellt die Frage: «Wird die Ukraine aufgeben?» Danilow hatte beim International Security Forum in Halifax am 20. November 2023 eine Rede gehalten, deren Text der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine auf seiner Webseite dokumentiert. Abgesehen davon, dass Danilow in Halifax eine kontrollierte Zerschlagung Russlands in mehrere Teile vorgeschlagen hat, hat er auch darauf hingewiesen, dass auf die Präsidentschaftswahl in Russland am 17. März 2024 eine Allgemeine Mobilmachung folgen könnte. Diese Sorge teile ich. Bezüglich der Ukraine stellte Danilow lapidar fest: «Die finanzielle, soziale und wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Ukraine im Zeitraum 2024-2025 bedarf einer nationalen und internationalen Konsolidierung.» (Hervorhebung von izitiwab)

Dann kehrte Danilow in die Ukraine zurück und nahm am Freitag, dem 24. November an der Talkshow «Great Lviv Speaks» teil. Die Webseite des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine zitiert aus dieser Talkshow sehr selektiv Passagen über Probleme in Russland und natürlich das obligate «Der Sieg wird unser sein.» Was Danilow in dieser Talkshow sonst noch sagte, ging viral.

Die Ukrainer müssten erwachsen werden, findet Danilow. Der Westen werde sie nicht ewig durchfüttern. Im Westen habe niemand angenommen, dass dieser Krieg sich über anderthalb Jahre hinziehen werde. Je länger er andauere, desto schwieriger werde es. Ich nehme, dass diese Bemerkungen aus den Eindrücken resultieren, die Danilow aus Halifax mitgebracht hat.

An dem Tag, an dem Danilow in Halifax redete, sgate die US-Finanzministerin Janet Yellen in einem Interview beim CNBC: «Die Ukraine ist also völlig abhängig von [unserer] Hilfe.» Bekanntlich kann der US-Präsident Joe Biden derzeit keine Ukraine-Hilfen durch den Kongress bringen. Es ist nicht absehbar, ob ihm das noch einmal gelingen wird.

Insgesamt wirkt die Situation der Ukraine aussichtslos, wenn sie den Krieg 2024 und möglicherweise 2025 fortführen will. Diejenigen, die diesen Krieg gleichwohl fortsetzen wollen, müssen die Schwierigkeiten als überwindbar erscheinen lassen.

Fazit

In der ukrainischen Führung gibt es derzeit Auseinandersetzungen darüber, wie die Ukraine bezüglich des Kriegs mit Russland weiter verfahren soll – und kann. Es sich handelt sich dabei um eine Frage von existentieller Bedeutung. Die Meinungen sind äußerst polarisiert. Daher läuft diese Auseinandersetzung auf einen Machtkampf hinaus. Zwischen dem Streben nach einem Verhandlungsfrieden und dem Streben nach einem Sieg gibt es keinen möglichen Kompromiss. In den nächsten Monaten wird sich eine Seite durchsetzen müssen. Welche es ist, wird das Schicksal der Ukraine entscheiden.

Man darf Saluschnij und den größten Teil der Militärführung auf der Seite vermuten, die davon ausgeht, dass die Ukraine diesen Krieg unbedingt in den nächsten Monaten beenden muss, um ihre Verluste zu begrenzen. Auf dieser Seite vermute ich auch den Chefs des Militärgeheimdienstes, Budanow. Diese Konstellation dürfte Selenskyj bewogen haben, in der vergangenen Woche Umbesetzungen in der Führung der Nationalgarde vorzunehmen. Selenskyj ist der führende Repräsentant der anderen Seite. Danilow befindet sich am extremen Rand dieser anderen Seite. Arachamija ist sich vermutlich bewusst, was dieser kommende Machtkampf für die UKraine bedeutet. Er hat wohl deshalb versucht, einen Weg zu einer Kompromisslinie zu finden, die es nicht geben kann.

Der Machtkampf in der Ukraine hat bereits begonnen. Er muss nicht unbedingt in offene Gewalt ausbrechen. Dass dabei einzelne Personen ermordet werden, wie zuvor Kireev und wohl auch Saluschnyjs Adjutant Hennadij Tschastjakow, ist wahrscheinlich. Wenn es zu viele werden, ist ein Staatsstreich der Militärführung denkbar. Umgekehrt dürfte es in einem laufenden Krieg zu riskant sein, dass die Nationalgarde gewaltsam gegen die Militärführung vorgeht. Im Prinzip könnte Selenskyj als Präsident den Oberkommandierenden Saluschnyj entlassen. Er würde dabei allerdings riskieren, den Anlass für einen Staatsstreich zu liefern.

Derzeit läuft alles für Putin. Ein für die Ukraine so günstiges Angebot wie Ende März 2022 wird er nicht noch einmal machen.


80 Antworten zu “Diener des Volkes”

    • Das ist sehr interessant. Overton kannte ich noch nicht und Google hatte es für mich nicht gefunden. Ist «Der Freitag» doch noch zu was nutze 😉

      Die von Overton verlinke Seite Strana erinnert daran, dass der ehemalige deutsche Bindeskanzler Gerhard Schröder damals behauptet hatte, Putin sei sogar bereit, den Donbass mit einem Sonderstatus zurückzugeben. Unwahrscheinlich ist das nicht. Das war die Grundidee von Minsk-II. Über den Sonderstatus hätte eine fünfte Kolonne Russlands immer eine Hand in der ukrainischen Innenpolitik gehabt.

      Overton verlinkt noch einen weiteren Strana-Artikel, in dem Arachamija dahingehend zitiert wird, dass sich Russland sofort an den Verhandlungstisch setzen werden, wenn die Ukraine anrufe, schon um westliche Lieferungen weiter zu verzögern. Auch das ist plausibel. Putin hat beim G-20-Videogipfel gerade Verhandlungen angeboten. Das kostet nichts. Eine Eingung auf der Basis der jetzigen Frontlinie könnte Putin als Sieg verkaufen.

      Overton vermutet, Arachamija habe im Einverständnis mit Selenskyj gehandelt. Das glaube ich eher nicht, ausschließen kann ich es aber auch nicht. Wenn es stimmt, ist die gegenwärtige Lage der Ukraine noch verzweifelter, als selbst ich gedacht habe. Denn dass das ein Testballon in Bezug auf die Reaktion der ukrainischen Öffentlichkeit ist, damit hat lb.ua sicher Recht.

      • Na, na – machen Sie den «Freitag» mal nicht schlechter als er ist. Es gibt da durchaus noch Redakteure, die ihr journalistisches Handwerk ernst nehmen. Und unbequeme Kommentare werden ja auch in anderen Leitmedien nicht geduldet.

        Schlimmer geht immer.

  1. Eine gute Ausarbeitung meiner damals umstrittenen Einschätzung – auf die einfache Formel gebracht – es geht um die NATO Ausweitung.
    Der Ausbreitung wurde eine Grenze gesetzt, die man mit den bekannten Folgen austesten wollte.
    Also Hand auf die Herdplatte um zu sehen, ob sie wirklich heiß ist. Sie war heiß und das sagte man uns vorher schon.
    Der Schaden ist nun so enorm, daß die direkten Kriegsereignisse der kleinere Teil sind. Immerhin hatte es internationale Auswirkungen die man mit Toten, Kranken, Kosten und ökonomische wie politische Verwerfungen in Verbindung bringen kann.
    Eine Schlußrechnung ist natürlich noch nicht möglich, aber der Preis wird hoch sein und ist erst in vielen Jahren deutlich erkennbar.

    • Der Preis ist auch für die NATO – trotz der Aufnahme Schwedens und Finnlands – hoch. Letzten Endes steht sie im Begriff, einen Stellvertreterkrieg zu verlieren und zwar den seit dem 2. Weltkrieg auf höchstem technologischen Niveau (gemessen am Stand der jeweiliegn Zeit) und höchsten Ausbildungsniveau der Truppen beider Seiten geführten Krieg.

      Bei der versuchten ukrainischen Gegenoffensive in diesem Sommer haben NATO-Planungen und NATO-Ausbildung versagt.

  2. Das ISW berichtet, dass Russland bei den gestrigen Luftschlägen erstmals eine neue Version der Billig-Drohnen urprünglich iranischen Designs eingesetzt habe. Es ist eine Stealth-Version, schwarz gestrichen mit einer Farbe, die auch noch Radarstrahlung absorbiert.

    Außderdem zitiert das ISW den britischen «Economist» mit einer Einschätzung, dass Russland in der elektronischen Kriegführung der UKraine überlegen sei. Der «Economist» beruft sich dabei auf westliche Experten.

    Bis auf ein geringfügiges russisches Vorrücken 7 km nordwestlich von Awdijiwka gab es keine durch geolokalisiertes Bildmaterial bestätigten Frontverschiebungen, allerdings einige weitere Behauptungen über geringfügige Fortschritte der russischen Seite.

      • Wenn ich Jerome wäre, würde ich wohl in diesen Tagen mit einer depressiven Stimmung kämpfen.

        Es ist ja auch wirklich ungerecht, dass die Ukraine etwa 20% ihres Territoriums verliert – wenn sie so weiter macht, vielleicht noch mehr. Nur ist Politik und Kriegführung eben nicht eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Frage des Möglichen.

  3. Unter den letzten Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen 2024 in den USA gibt es kaum noch welche, in denen Biden vor Trump liegt. Es gibt auch solche, in denen Trump 9% Vorsprung hat.

    Ach, da, ein Lichtblick. Bei Ipsos/Reuter kommt Trump nur auf 32%.

    Das war die gute Nachricht. Die schlechte: Biden kommt in diesr Umfrage nur auf 30%. Auf Kennedy entfallen 20%. Kennedy hatte am 9. Oktober bekannt gegeben, als unabhängiger Kandidat antreten zu wollen. Je nach Umfrageinstitut liegt er in Dreier-Vergleichen Biden-Trump-Kennedy bei 7 bis 22%. Er hat reiche Spender für seine Kampagne. Wenn er überlebt, halte ich es nicht einmal für ausgeschlossen, dass er die Wahl gewinnt.

    Warum das hierher gehört? Kennedy ist gegen die Unterstützung der Ukraine. Und es ist vermutlich nicht unfair, ihn als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen. Bei der Familiengeschichte ist das vielleicht verständlich, aber es ist trotzdem ein Ausschlusskriterrium für das Amt des Präsidenten der führenden Weltmacht.

    Allerdings: Welcher aussichtsreiche Kandidat erfüllt nicht irgendein Ausschlusskriterium?

    • https://petraerler.substack.com/p/plant-putin-einen-neuen-krieg

      Die Erler auf ihrem Block. So als Nachtlektüre.

      Die Frage ist ja, ob sich (und für wen) der Unsinn der Natosterweiterung für den *Westen* seit Bill Clinton gelohnt hat oder nicht? Wieder eine Mauer zwischen Menschen. Für mich persönlich nicht, da Russland sein Tor zum Westen schließt. Oder der Westen sein Tor zum Osten. Egal. So ne neue Mauer ist schon geil wenn man nicht persönlich davon betroffen ist.

            • Na gut, das ist noch moderat. Ich dachte ja vor acht dreht sich an ’ner Uni kein Raedchen. Ausserdem hat mich mein Textconverter verschaukelt. Der hat fuer den Text (ohne Links und ohne Videos) 35 min ausgerechnet. Ich selbst habe den Text gerade gelesen und dafuer auch nur knapp 20 min gebraucht.

              Und der Beitrag ist wirklich sehr gut. Moelling kenne ich jetzt nicht so gut. Also noch so ein spezieller Experte. Der und Torben Schütz haben aber wenigstens einen Plan, wie die Nato sich besser gegenüber Russland positionieren koennte:

              -Zeit gewinnen
              -Die Ukraine in den europäischen Verteidigungs-
              sektor integrieren
              -Ein ausgewogeneres Verhaeltnis zu den Vereinigten
              Staaten aufbauen
              -Russlands Produktion behindern (Quelle ZDF.de)

              (Und dann dachte ich auch nicht, dass Sie zwischen den Kommentaren Liegestuetze & Co. machen, sondern sich die loechrigen Socken anziehen 😉 )

      • Nun ja, die Ukraine muß «Erfolge» verkaufen und der Westen ebenfalls.
        Die Führungen von einerseits naiven und andererseits intellektuell und ethisch zweifelhaften Politikern, aber auch Leuten aus der Wirtschaft haben in dieses Desaster geführt.
        Sie haben es geschafft, sich als Autoritäten zu verkaufen und bei Mißerfolg werden sie einen Schuldigen finden. Man kann auch einen Erfolg als Mißerfolg für die Bevölkerungen deuten. Denn die Interessen sind nicht per se identisch. Das wird nur suggeriert.
        Aber auch den Regierten muß man den Vorwurf machen, solches Personal an die Spitze zu befördern.

      • Übrigens können die NATO und die ukrainische Führung meinetwegen «Sieg» in etwa so neudefinieren, wie Petra Erler das andeutet. Wenn sie auf der Basis dieser Neudefinition Frieden machen können, ist etwas erreicht.

        Eine Aufnahme der Restukraine in die NATO würde indes erfordern, dass die Ukraine offiziell ihre neuen Grenzen anerkennt. Ich denke nicht, dass das in absehbarer Zeit geschehen kann.

  4. Laut ISW soll die Ukraine für ihre mobilen Luftabwehrteams demnächst MANPADS (schultergestützte Luftabwehrraketen) bekommen. Der Stückpreis der Stinger war betrug 2020 $119’320. Das ist immer noch teurer als eine Shahed/Geranium-Drohne.

  5. Die Lage in Awdijiwka sieht nicht gut aus (ISW):

    «Die russischen Streitkräfte sind am 26. November nachweislich nordwestlich und südöstlich von Awdijiwka vorgerückt. Geolokalisiertes Filmmaterial, das am 26. November veröffentlicht wurde, zeigt, dass die russischen Streitkräfte nordwestlich von Krasnohoriwka (7 km nordwestlich von Awdijiwka) und im östlichen Teil des Industriegebiets am südöstlichen Stadtrand von Awdijiwka geringfügig vorrückten. Geolokalisiertes Videomaterial vom 26. November zeigt, dass russische Panzerfahrzeuge ukrainische Stellungen im nördlichen Teil des Industriegebiets am südöstlichen Stadtrand von Awdijiwka angreifen. Russische Milblogger behaupteten übereinstimmend, dass russische Streitkräfte am 26. November das gesamte Industriegebiet in der Nähe des Bahnhofs Yasynuvata-2 eingenommen hätten, nachdem sie am 25. November die letzten verbliebenen Gebäude in diesem Gebiet geräumt hätten. Das ISW hat jedoch noch keine visuelle Bestätigung für die letztere Behauptung gefunden.»

  6. *Ukraine-Ticker: Stoltenberg – Nato muss Kiew weiter unterstützen

    Nato-Generalsekretär Stoltenberg hat in Brüssel Durchhaltevermögen bei der Unterstützung für die Ukraine gefordert: Ein Sieg Russlands wäre eine Gefahr für das Bündnis und ein verhängnisvolles Signal an autoritäre Regime.*

    So meldet jedenfalls der BR24-Kanal. Der Sieg ist nah, die neue Grenze über Finnland, das Baltikum zu Russland, Polen zu Weißrussland und durch die Ukraine + dem schwarzen Meer kommt. Wie komme ich darauf? Ich denke jetzt mal an Willy Wimmer(CDU): Die Nato-Osterweiterung ist unter diesem Aspekt zu sehen: Schaffung eines Riegels zwischen Westeuropa und Russland, wie in der Konferenz von Bratislava im Jahr 2000 angekündigt, deren Ergebnisse Willy Wimmer in einem Brief an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) dokumentiert hat, in der PDF auf Seite 6+7.

    http://www.nato-tribunal.de/blaetter_wimmer.pdf in der PDF auf Seite 6+7.

    Er hat das auch immer in Interviews mit ihm erwähnt und bezeichnete dies als 3 Meere-Grenze von der Ostsee über das schwarze Meer bis in das Mittelmeer.

      • Es stellt sich allerdings schon die Frage, warum insgesamt so viele ehemalige Politiker der etablierten Parteien so stark in Opposition zur gegenwärtigen Politik dieser Parteien sind. Es ist ja nicht nur der eine Wimmer. Und es betrifft auch nicht nur die CDU.

    • Wie man’s nimmt. Die F.A.Z. titelt «Die NATO schraubt ihre Ziele herunter» (Nikolas Busse) und schreibt als Teaser (Bezahlschranke): «Das militärische Patt führt dazu, dass der Westen nun schon das Halten der Front als Erfolg der Ukraine betrachtet. Das ist realistisch, trotzdem sollte Kiew weiter unterstützt werden.»

      Und gleich daneben ist ein zweiter Beitrag zum NATO-Aussenministertreffen mit dem Titel «Lobeshymnen und Durchhalteparolen für Kiew» (Thomas Gutschker) und da lautet der Teaser: «In der NATO glaubt niemand an eine weitere Gegenoffensive der Ukraine. Die größte Hoffnung ist, dass das militärische Patt andauert – am besten bis zum Jubiläumsgipfel im nächsten Sommer.»

      Höre ich da etwa Zweifel am NATO-Kurs heraus? Bei der F.A.Z.??

      Es ist allerdings so, dass unter diesen Umständen die Kriegsziele der Ukraine keinen Sinn mehr ergeben. Was sind denn dann die neuen Ziele und wie will man sie erreichen?

      Die Ukraine und die NATO haben keine Strategie mehr für diesen Krieg. Er soll weitergeführt werden, weil man nicht zugeben will, dass man sich verzockt hat. So etwas führt nur dazu, dass es dann noch schlechter ausgeht. Hier wird nur noch die Stunde der Wahrheit hinausgezögert – zu sehr hohen Kosten.

      • Ich glaube, ich habe zum ersten Mal erlebt, dass faz.net bei einem Beitrag die Bezahlschranke wieder aufgehoben hat.

        «Die NATO schraubt iher Ziele herunter» ist nur ein kurzer Kommentar. Der Tenor ist: Frankreich soll für die Ukraine bezahlen, weil die USA politisch und Deutschland finanziell nicht dazu in der Lage ist.

        Welches Ziel es haben soll, der Ukraine beizustehen «solange [sie] nicht aufgibt», sagt Busse nicht. Er räumt ein, dass sie schwächer ist. Was soll es bringen, Krieg bis zum Zusammenbruch zu führen?

        • …ich habe es gelesen, die Schranke ist aber (bei mir) wieder unten. Jedenfalls am Computer, nicht auf dem Handy??? Glasnost und Perestroika lassen zu wünschen übrig.
          …ich zitiere: *…solange die Ukraine nicht aufgibt, sollten man ihr aber weiter beistehen.*
          Was für ein Inhalt, nach der Aufgabe hat die Ukraine ihre Pflicht getan und kann gehen?

          • Ja, wenn die Ukraine den Stellvertreterkrieg nicht mehr weiterführen kann oder will, hat sie halt Pech gehabt.

            Ist es unseren afghanischen Verbündeten besser gegangen? Oder den Kurden in Nordsyrien, die für die USA gegen Assad gekämpft haben?

            Wer Boris Johnson glaubt, trägt allerdings auch eine Mitverantwortung, zumal der ukrainischen Führung Ende März/Anfang April 2022 klar gewesen sein musste, dass sie keinen Krieg gegen Russland gewinnen kann. Das Problem ist, dass Leute, die habituell lügen, sich auch habituell selbst belügen.

        • Vielleicht hat sie (die Schranke) ein Witzbold heute frueh mal kurz aufgemacht…jetzt ist sie jedenfalls unten.

          Frankreich soll also fuer die Ukraine bezahlen? Verstehe ich jetzt nicht. Sind denn die so grosse Freunde der Ukraine? Macron ist mir ja eher durch einige Dissonanzen aufgefallen. Und ausserdem: Stehen die denn finanziell so gut da, dass sie sich das leisten koennen?

    • Mit dem Mut der Verzweiflung…

      Dem armen Mann ist nicht klar, dass das Problem der Ukraine nicht ein paar fehlende Waffensysteme sind. Oder vielleicht ist es ihm klar, er will es (sich) aber nicht eingestehen.

      In solchen Situationen kann man beobachten, wie Argumente immer absurder werden. Menschen benutzen lieber absurde Argumente, als Fehler einzugestehen oder nachzugeben.

        • Die Legion Condor war so erfolgreich, weil die Spanische Republik keine nennenswerte Luftwaffe hatte.

          Russland hat aber eine Luftwaffe und eine Luftverteidigung, die auf gleichem Niveau sind, wie diejenigen der NATO. Es würde auf beiden Seiten hohe Verluste geben, aber der Effekt auf die Lage auf dem Boden wäre überschaubar.

  7. militaryland.net (Jerome):

    Nordfront (Kupyansk-Kreminna):

    «Russische Truppen rückten im Gebiet nördlich von Iwaniwka vor.»

    Raum Bachmut:

    «Russische Truppen griffen die ukrainischen Stellungen südlich des Berkhivske-Stausees in der Nähe der Eisenbahnlinie an.»

    «Der Feind startete einen lokalen Gegenangriff in Richtung Andriivka und eroberte den größten Teil des zuvor verlorenen Terrains östlich der nahe gelegenen Eisenbahnlinie zurück.»

    Raum Awdijiwka:

    «Die russischen Truppen überquerten die nördliche Eisenbahnlinie und rückten an einer Baumgrenze in Richtung Novokalynove vor.»

    «Der Feind rückte durch eine Baumreihe nördlich von Stepove in Richtung der Bahnlinie vor.»

    «Die russischen Truppen rückten entlang der Eisenbahnlinie nördlich von Stepove vor.»

    Awdijiwka-Stadt:

    «Den russischen Truppen ist es gelungen, vorzurücken und den größten Teil von Promka einzunehmen. Ukrainische Truppen wurden auf dem Rückzug nach Westen in Richtung Avdiivka gesehen. Da wir jedoch keine visuellen Beweise dafür haben, dass die Russen den westlichen Rand erreicht haben, wird er weiterhin als umkämpft markiert.»

    «Aus […] Aufnahmen geht auch hervor, dass der Feind seine Stellungen südöstlich von Sieverne nicht halten konnte und die Verteidiger die Stellungen irgendwann in den letzten ein oder zwei Wochen zurückeroberten.»

  8. Die Ukraine wird sich auf Verteidigung konzentrieren. Präsident Wolodymyr Zelenskyj hat gestern ein nationales Treffen zum Bau von Befestigungsanlagen durchgeführt.

    Konzentrieren will man sich – fast auf die gesamte Frontlinie und auf Schutzräume für Schulen im ganzen Land. Selenskyj schreibt:

    «Natürlich sind [die wichtigsten Gebiete] in erster Linie Awdijiwka, Maryinka und andere Gebiete in der Region Donezk, die maximale Aufmerksamkeit erhalten werden. Region Charkiw – die Richtung Kupjansk sowie die Verteidigungslinie Kupjansk – Lyman. Die gesamten Regionen Charkiw, Sumy, Tschernihiw, Kiew, Riwne und Wolhynien sowie der Süden – die Region Cherson.»

      • Bei Awdijiwka ist es dafür zu spät. Dort, wo man bauen müsste, liegt das Gelände schon unter russischem Artilleriebeschuss. Man könnte nur eine rückwärtige Verteidigungslinie aufbauen und Awdijiwka aufgeben.

        Ansonsten ist so etwas wie die Surowikin-Linie der Russen schon effektiv. Ich hatte vor ein paar Wochen schon mal empfohlen, dass die Ukraine das Konzept kopiert. Das zementiert zwar nur die jetzige Frontlinie und friert den Konflikt ein, aber mehr kann die Ukraine nicht mehr erwarten. Wenn sie keine derartigen Verteidigungslinien aufbaut, wird sie den Krieg verlieren – also richtig verlieren.

  9. Tagesbericht des ISW:

    Raum Kupyansk

    «Die am 30. November veröffentlichten geolokalisierten Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte südöstlich von Vilshana (15 km nordöstlich von Kupyansk) vorrücken.»

    Raum Awdijiwka:

    «Die am 1. Dezember veröffentlichten geolokalisierten Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte östlich und südöstlich von Stepove (3 km nordwestlich von Avdiivka) vorrücken.»

    Donezk-Süd:

    «Am 1. Dezember veröffentlichte geolokalisierte Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte weiter in den Westen von Marinka (unmittelbar westlich von Donezk) vorgedrungen sind.»

    Keine weiteren bestätigten Frontverschiebungen.

  10. Der «Economist» stellt im Titelbild die Frage:

    «Gewinnt Putin?»

    Der Leitartikel hat den Titel:

    «Putin scheint den Krieg in der Ukraine zu gewinnen – vorerst»

    Mit dem «vorerst» argumentieren sie für noch mehr Investitionen Europas in diesen Krieg. Normalerweise würden Ökonomen argumentieren, dass man in einer solchen Situation dem schlechten Geld nicht noch gutes nachwerfen solle, sondern besser seine Verluste begrenze.

  11. Der ukrainische Ex-Präsident Petro Poroschenko (58) hatte eine Spezialbewilligung des Parlaments zur Ausreise. Als Mann unter 60 Jahren benötigte er eine solche. Er wurde an der Grenze dennoch zurückgewiesen, weil die Regierung vermutet, er wolle in Ungarn mit Viktor Orban reden.

    Keine Vernunft, nirgendwo.

    • Der Olaf:

      «Der Ukraine versprach der Sozialdemokrat weitere Unterstützung: ‹Dieser Krieg ist wahrscheinlich nicht so schnell vorbei, wie wir uns das alle wünschen. Wenn andere schwächeln, müssen wir unseren Beitrag womöglich größer leisten…›
      Trotz des Milliarden-Lochs im Haushalt soll das möglich sein…» (dbwv.de)

      Das scheinen nicht alle so zu sehen.

      https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_100299206/parteitag-der-spd-ukraine-unterstuetzer-fliegt-unter-jubel-aus-vorstand.html

      • Na ja, wir haben unseren Beitrag schon wegen den Briten erhöht. Man ist ja schon bei Kürzungen im Sozialbereich angelangt.
        Wenn man an die kommenden Gelder für die Ukraine im Bereich Aufbau oder Gaza denkt, an die Rentenlücke, die Energiewende usw sollte man mit solchen Aussagen etwas vorsichtiger sein.
        Die Finanzlücke der kommenden Jahre ist größer als sie zur Zeit erscheint.

        • Daraus folgt, dass die Schuldenbremse abgeschafft und das Ganze über Inflation bezahlt wird, also über Aufbrauchen des Angesparten.

          Im Prinzip läuft es auf sinkenden Wohlstand hinaus. Was man in die Ukraine schickt oder womit man Firmen bereichert, die bestimmte Dinge als Energiewende verkaufen, steht für andere Dinge nicht zur Verfügung. Ressourcen sind begrenzt, ob man formell eine Schuldenbremse hat oder ob nicht.

          • Da haben Sie sicher recht.
            Für oder gegen die Schuldenbremse, auch wenn sie nicht mehr existieren sollte hätte man das Problem der Verzinsung und evtl. spätere Probleme durch eine hohe Verschuldung.
            Zur Zeit wäre eine höhere Verschuldung besser, aber trauen wir den Politikern, das nicht exzessiv auszunutzen?
            Ja, im Endeffekt wird der Wohlstand für min. die untere Einkommenshälfte sinken.
            Die soziale Spaltung wird höchstwahrscheinlich verstärkt, die Bildungsmöglichkeiten der unteren Einkommen massiv beeinträchtigt. Zum Beispiel ist ein Studium nicht billig, der Hintergrund spielt eine große Rolle. Evtl. Wohnung, Auslandsaufenthalte usw.

            • «Zur Zeit wäre eine höhere Verschuldung besser»

              Da bin ich nicht so sicher. Es kann schon sinnvoll sein, in einer zyklischen Krise oder einer vermutlich bald vorrübergehenden Krise Schulden aufzunehmen und sie dann wieder abzuzahlen, wenn die Situation besser ist.

              Ich sehe nur keinen Grund für die Annahme, dass sich die Situation bessern wird. Das ist eine strukturelle Krise, keine zyklische und kein kurzer Schock. Aus einer strukturellen Krise kann man sich nicht durch Schuldenmachen befreien. Im Gegenteil, man verstärkt sie damit nur.

              • Wenn man davon ausgeht, ja. Da habe ich so ähnlich beschrieben.
                Es kommt darauf an, wie der weitere Verlauf wäre. Ich bin davon ausgegangen, die kommenden Belastungen sind so wie gewünscht nicht anders zu finanzieren ohne größere Verwerfungen. Diese Ziele kann man natürlich abändern um es ohne Schulden bewerkstelligen zu können.
                Wenn man an die Aufrüstung, Flüchtlinge, Renten, Energiewende, usw denkt, müßte man den sozialen Bereich dermaßen schröpfen, daß die Nebenwirkungen nicht mehr kalkulierbar sind.
                Intel bekommt gerade für den Bau einer Fabrikationsstätte 10 Milliarden Subventionen. Solche Aktionen kann man nicht lange durchhalten und fördern die Ungleichheit enorm. International kauft sich der Arbeitnehmer immer mehr seinen eigenen Arbeitsplatz und bezahlt ihn über seine Steuern. Ein Ende dieser Praktik ist nicht absehbar, könnte sich noch verstärken.
                Schulden oder nicht, beides ist kein guter Weg zur Zeit.

  12. Die Berliner Grünen mussten ihren Landesparteitag abbrechen. Sie hatten genau eine Kandidatin für die Neuwahl als Parteivorsitzende. Nachdem sie in den ersten drei Wahlgängen keine absolute Mehrheit erreicht hatte, ist sie zu einem vierten Wahlgang nicht mehr angetreten. Quelle: faz.net

    • Tja, die haben halt ein Problem mit ihren ultra-woken-Mitgliedern. Vielleicht sollten die Berliner sich aufloesen wie die Linken-Fraktion im BT.

      Aber was kuemmert mich fremdes Leid?

      Schicken Sie mir lieber noch mal Ihre persoenlichen Gefahrstoff-Richtlinien (weil das so wahnsinnig interessant ist). Mein Computer findet Ihr «Home» naemlich nicht. Sicher Zuerich, aber das ist eben eine Weltstadt. Ohne Strasse und Hausnr. wird das nix.)

  13. Bei russischen Luftangriffen auf Kiew sind mindetsens 34 Menschen verletzt worden. Die ukrainische Luftverteidigung war natürlich sehr erfolgreich und hat alle Angreifer abgeschossen, aber die Trümmerteile halt. Quelle: faz.net

    Die russische Seite behauptete hingegen schon gestern, mit Kinshal-Hyperschallraketen eine Patriot-Batterie auf den Dnjepr-Höhen bei Kiew getroffen zu haben. Die Batterie sei nicht einmal in Aktion getreten. Quelle: southfront.press

    • Wirklich interessant wäre, was denkt und weiß man hinter den Kulissen und erzählt uns trotzdem das Gegenteil.
      Denn was die Kontrahenten verlautbaren lassen ist fragwürdig, aber auch was unsere Seite den eigenen Bürgern erzählt ist wenig glaubhaft.
      Alle versuchen die öffentliche Meinung zu steuern, zu manipulieren und fördern so Fehlentscheidungen und verfälschte Sichtweisen.
      Auch historisch sehr interessant, inwieweit wir völlig falsche Vorstellungen über manche Abläufe haben, indem Lügen zu Fakten wurden. Teilweise ist das auch gar nicht mehr aufzuklären, es hilft nur schon bei der Entstehung einen Riegel vorzuschieben.
      Wie auch immer.

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