Stimmen der Vernunft


Zwei alte weiße Männer In «Foreign Affairs» argumentieren Richard Haass und Charles Kupchan für einen Strategiewechsel des Westens im Ukraine-Krieg.

Wir erleben in Bezug auf den Ukraine-Krieg zeitversetzt ähnliche Phänomene wie während der Corona-Pandemie. Anfangs galt in der Pandemie jeder, der das dominierende Narrativ in Frage stellte, als unmoralisch, rechtsgerichtet und unwissenschaftlich, selbst wenn es sich wie im Falle von John Ioannidis um einen der angesehensten Epidemiologen weltweit handelte. Selbst Wissenschaftler lehnten sich sehr weit aus dem Fenster, wenn es galt, das dominierende Narrativ zu stützen. Das traf zum Beispiel auf Klaus Cichutek, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), zu. Dessen Aussagen zu möglichen Langzeitnebenwirkungen der Impfung mussten von der Öffentlichkeit missverstanden werden. Inzwischen ist unstrittig, dass es solche Langzeitnebenwirkungen gibt, zumindest in dem Sinne, den medizinische Laien, diesem Begriff beilegen. Auch bei vielen anderen damaligen, sehr forsch vertretenen Äußerungen von Führungskräften aus Politik, Wissenschaft und Journalismus ist inzwischen klar, dass sie falsch waren und dass die daraus abgeleiteten Maßnahmen erheblichen Schaden angerichtet haben, ohne eine dem entsprechenden oder sogar überwiegenden Nutzen zu stiften.

In ähnlicher Weise galt es seit Anfang des Ukraine-Kriegs als unmoralisch, rechtsgerichtet und unprofessionell, für eine Verhandlungslösung zu werben. Das war noch bis vor Kurzem in den USA und noch stärker in Deutschland so. Für die offizielle ukrainische Außenpolitik ist nach wie vor jeder ein Putin-Freund oder hochgradig naiv, der auf die Notwendigkeit von Verhandlungen hinweist. Deshalb lässt es aufhorchen, wenn mit Richard Haass und Charles Kupchan zwei sehr erfahrene Sicherheitspolitiker aus den USA in der angesehensten außenpolitischen Zeitschrift der USA, «Foreign Affairs», zu dem Schluss kommen, dass der Westen in der Ukraine eine neue Strategie benötigt. Der Artikel ist am 13. April erschienen und ich werde ihn hier zusammen mit eigenen Einschätzungen diskutieren.

Richard Haass

Der gegenwärtige Präsident des US-amerikanischen Council on Foreign Relations, Richard Haass, ist knapp neun Jahre jünger als der US-Präsident Joe Biden. Das Ciuncil on Foreign Relations ist auch Herausgeber der Zeitschrift «Foreign Affairs», die vierteljährlich erscheint. Haass agierte als enger Berater von Colin Powell, als dieser US-amerikanischer Außenminister war. Er kommt also aus einem republikanischen Umfeld. Damals war Haass Direktor für Politikplanung des Außenministeriums und stand damit dessen interner Denkfabrik vor. Er hatte den Rang eines vom US-Senat bestätigten Botschafters und war in den Friedensprozess in Nordirland und die strategische Planung der USA für Afghanistan involviert. Zuvor hatte er 1989-1993 als National Security Council Senior Director gedient. Haass hat an der Entwicklung der Operationen Desert Shield und Desert Storm mitgearbeitet. Diese Operationen bezeichnen die Aufstellung der US-Truppen in Nahost nach dem Überfall des Iraks auf Kuweit unter Saddam Hussein sowie die US-Militäroperation, mit der die kuweitische Souveränität damals wiederhergestellt wurde. Richard Haass ist ein scharfer Kritiker von Donald Trump und hat sich deshalb 2021 von den Republikanern abgewandt. Er darf als einer der erfahrensten, noch öffentlich aktiven Außen- und Sicherheitspolitiker der USA gelten, insbesondere, was strategische Überlegungen betrifft.

Charles Kupchan

Der Senior Fellow des Council on Foreign Relations, Charles Kupchan, ist etwa 16 Jahre jünger als der US-Präsident. Er war 1993-94 und 2014-17 jeweils Direktor für europäische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat der USA. In der Obama-Administration war er auch Chefberater des Präsidenten für Europa. Er kommt also aus einem demokratischen Umfeld. Als Kupchan 2014 Deutschland besuchte, war der Ukraine-Konflikt eines der Hauptthemen. Er ist Professor für internationale Angelegenheiten an der Georgetown University. In diesem Frühjahrssemester lehrt er den Kurs «Grundlagen der Grand Stratgey», in dem unter anderem die Werke von Sun Tsu, Kautilya, Machiavelli, und Clausewitz behandelt werden sowie Supermächte verschiedener Zeitalter, wie das Römische Reich, das Mongolische Reich, die Sowjetunion und die USA. Im kommenden Herbssemester bestreitete er unter Anderem einen Kurs über aktuelle Debatten zur internationalen Sicherheit. Er ist Autor mehrerer Bücher über die geostrategische Rolle der USA und über den Umgang mit internationalen Konflikten. Er darf als einer der erfahrensten Europa-Politiker der USA gelten.

«Der Westen braucht eine neue Strategie in der Ukraine»

Haass und Kupchan argumentieren in ihrem Artikel in «Foreign Affairs» für einen Strategiewechsel des Westens – wohlgemerkt nicht nur der USA – in der Ukraine. Wie der Titel, so lässt auch der Untertitel nichts an Klarheit zu wünschen übrig: «Ein Plan für den Weg vom Schlachtfeld zum Verhandlungstisch». Inwieweit die Beiden einen realistischen Plan vorschlagen, werde ich im Folgenden diskutieren. Ihr Artikel beginnt mit der Feststellung, dass der Krieg bisher viel besser für die Ukraine verlaufen sei, als die Meisten erwartet hätten. Die Ukraine kontrolliere immer noch 85% desjenigen Territoriums, das sie vor dem 24. Februar 2022 kontrolliert habe. Bereits der erste Absatz kommt allerdings zu dem Schluss, dass der wahrscheinlichste Ausgang nicht ein vollständiger ukrainischer Sieg sei, sondern ein blutiges Patt. Dem stimme ich genauso zu, wie der nächsten wichtigen Feststellung, dass die Zeit noch nicht reif für eine Verhandlungslösung sei.

Haass und Kupchan argumentieren dann für zunächst weitere Waffenlieferungen, die sogar schneller erfolgen sollen, um der Ukraine im Sommer die Chance auf eine Verschiebung der Frontlinie zu geben. Wenn die «Kampfsaison» allerdings gegen Jahresende wieder vorbei sei, solle der Westen Moskau und Kiew (Hervorhebung von mir) vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch drängen.

Warum nehmen Haass und Kupchan an, dass beide Seiten zu Ende diesen Jahres verhandlungsbereit sein könnten? Sie sind ja sicher nicht naiv. Sie sind auch unverblümt. Ihre Erwartung ist, dass Kiew einlenken muss, weil die Ukraine keine Soldaten mehr finden und die westliche Unterstützung abnehmen wird und dass Russland ebenfalls zu hohe Verluste hat und erkennen muss, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Im Fall der Ukraine deuten sie auch an, dass diese einlenken muss, wenn der Westen das nur will. Damit das allerdings nicht nach einer katastrophalen Niederlage aussieht, muss zuvor eine ukrainische Großoffensive wenigstens teilweise erfolgreich sein. Haass und Kupchan geben aber auch zu, dass auf russischer Seite neu eingezogene Soldaten die Truppen verstärken werden und dass sich deshalb Putin weitere territoriale Gewinne erhofft.

Den Schlüsselabsatz des Artikels von Haass und Kupchan möchte ich hier wörtlich übersetzt wiedergeben: «So wertvoll eine größere militärische Hilfe des Westens auch sein mag, sie wird wohl kaum etwas an der grundlegenden Tatsache ändern, dass dieser Krieg auf eine Pattsituation zusteuert. Es ist natürlich möglich, dass sich die kommende Offensive der Ukraine als erstaunlich erfolgreich erweist und es dem Land ermöglicht, alle besetzten Gebiete, einschließlich der Krim, zurückzuerobern, was zu einer vollständigen russischen Niederlage führen würde. Aber ein solches Ergebnis ist unwahrscheinlich. Selbst wenn der Westen seine militärische Unterstützung aufstockt, wird die Ukraine noch weit entfernt davon sein, die russischen Streitkräfte besiegen zu können. Ihr gehen die Soldaten und die Munition aus, und ihre Wirtschaft verfällt weiter. Die russischen Truppen sind eingegraben, und neue Rekruten rücken an die Front vor.»

Haass und Kupchan geben weiter zu bedenken, dass im Fall einer drohenden russischen Niederlage China wahrscheinlich aus geostrategischen Gründen Russland unterstützen würde. Zudem würde sich selbst ein vollständiger Sieg der Ukraine nach einem sehr langen Krieg als Pyrrhussieg erweisen. Die Ukraine solle nicht ihre Selbstzerstörung riskieren, um vielleicht Ziele zu erreichen,. die sehr wahrscheinlich unerreichbar seien.

Die beiden Autoren gehen davon aus, dass die weitere Existenz der Ukraine als souveräner Staatund die hohen russischen Kosten und Verluste auseichen, um zu vermeiden, dass der Ausgang des Konflikts die westlich dominierte Weltordnung (sie nennen das regelbasierte Weltordnung) zerstört. Die Rückeroberung der Krim und des Donbass seien dafür nicht notwendig. Umgekehrt sehen sie große strategische Risiken einer langfristigen Unterstützung der Ukraine im gegenwärtigen Ausmaß. Die westliche Verteidigungsindustrie könne mit dem Bedarf der Ukraine an Ausrüstung und Munition nicht Schritt halten, was zu einer Erosion der westlichen Kampfkraft und zu einer Erschöpfung der westlichen Waffenbestände führe. Anstelle einer solchen langfristigen Unterstützung sollten der Westen einen Waffenstillstand vorschlagen, sobald die kommende Offensive der Ukraine an ihre Grenzen stoßen werde.

Schwachpunkte der Haass-Kupchan-Strategie

Diese letzte Idee kann man im Kontext des bisherigen Kriegsverlaufs betrachten. Eine derartige Chance zu Verhandlungen hätte es ja auch im Herbst 2022 gegeben, als die ukrainische Seite für etwa zwei Monate die Oberhand hatte. Damals gab es zwei Probleme. Es fiel der Ukraine und dem Westen schwer, den Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem die ukrainische Offensive an ihre Grenzen stieß. Nach den anfänglichen Erfolgen herrschte ein Optimismus, der sich als verfehlt erwies, sobald sich die russische Teilmobilisierung bemerkbar machte und die russische Seite durch die Aufgabe von Cherson Truppen für die Donbass-Front freimachen konnte. Seitdem, etwa Mitte November 2022, ist sie wieder in der Offensive. Die russischen Geländegewinne seitdem sind begrenzt, aber die ukrainischen und westlichen militärischen Ressourcen sind durch diese russische Offensive erheblich abgenutzt worden. Die russische Führung, die diesen Umschwung antizipiert hatte, verhinderte durch die formelle Annexion von vier Regionen der Ukraine Ende September, dass die Ukraine in der für sie günstigen Situation auch nur ein Verhandlungsangebot machte.

Es ist nicht ganz klar, was eine Wiederholung dieses Szenario verhindern sollte, falls eine ukrainische Großoffensive Anfangserfolge erzielen würde. Haass und Kupchan legen selbst dar, dass die Ukraine nicht nachhaltig in der Offensive bleiben kann. Insofern wäre sogar ein sensationeller Erfolg mit einer Rückeroberung aller ukrainischen Territorien kein Grund für Russland, Verhandlungen aufzunehmen. Ein solcher Erfolg würde ja nicht garantieren, dass die Ukraine im weiteren Kriegsverlauf diese Territorien auch halten kann. Es ist ausgeschlossen, dass der Westen und die Ukraine Russland zu einer Kapitulation zwingen können.

Der zweite Schwachpunkt der Haass-Kupchan-Strategie ist etwas verdeckt. Die beiden Autoren sprechen etwas nebulös davon, dass die Ukraine und der Westen auch ohne Rückeroberung der Krim und des Donbass einen Waffenstillstand als Erfolg verbuchen könnten. Das klammert die Frage aus, was mit den 15% des ukrainischen Territoriums zu Kriegsanfang geschehen wird, die derzeit russisch besetzt sind. Es ist eben nicht nur unwahrscheinlich, dass eine ukrainische Großoffensive die Grenzen von Ende Februar 2014 wiederherstellt, sondern auch, dass sie die Grenzen vom 23. Februar 2022 wiederherstellen kann. Was würde man Russland anbieten können, damit die russische Führung bereit wäre, besetztes Territorium über einen schmalen Streifen an der Kontaktlinie hinaus aufzugeben? Ein Waffenstillstand ist nur auf der Basis der Kontaktlinie zum Zeitpunkt der Verhandlungen zu erwarten. Unwahrscheinlich ist auch, dass Russland für einen Friedensvertrag Territorien zurückgeben würde. Nach dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 war es vielmehr so, dass Finnland beim Friedensschluss Territorien aufgeben musste, die das finnische Militär zu Kriegsende am 12. März 1940 noch besetzt hielt. Finnland musste damals auch Bedingungen akzeptieren, die über die Vorkriegsforderungen der Sowjetunion hinausgingen. Wenn die Ukraine irgendwann nicht mehr genug Truppen mobilisieren und genug Munition und Waffen beschaffen kann, um den russischen Truppen standzuhalten, könnte sich ein solches Szenario wiederholen.

Fairerweise muss man sagen, dass Haass und Kupchan im weiteren Verlauf des Artikels selbst darauf zu sprechen kommen, dass im Falle eines Waffenstillstands der Konflikt sehr wahrscheinlich an der Kontaktlinie einfrieren würde. An diesem Punkt wird der Artikel wirklich interessant. Es erweist sich, dass alle vorherigen Argumente nur dazu dienten, den Leser schonend auf die eigentliche Lageeinschätzung von Haaas und Kupchan vorzubereiten. Die Autoren geben nun zu bedenken, dass selbst ein Einfrieren des Konflikts an der Kontaktlinie für die Ukraine und den Westen einem langjährigen Krieg hoher Intensität vorzuziehen sei. Dieser Einschätzung stimme ich zu. Die so vorgezeichnete günstigste Option für den Kriegsausgang wirft allerdings die Frage auf, was von der bisherigen westlichen und ukrainischen Strategie zu halten ist.

Verpasste Chancen

Folgt man den Argumenten ganz am Anfang des Artikels, so ist der Krieg für die Ukraine bisher besser verlaufen, als fast alle Experten erwartet hatten. Gleichwohl hat sie mehr als 100’000 Tote zu beklagen, 15% ihres Territoriums verloren, 30% ihrer Wirtschaftsleistung eingebüßt, ihre Infrastruktur ist stark zerstört und 8 Millionen Ukrainer sind ins Ausland geflohen – was etwa 20% der Vorkriegsbevölkerung entspricht. Vor dem Krieg hatte Russland keine territorialen Forderungen gestellt. Russland wollte eine Garantie, dass die Ukraine nicht in die NATO aufgenommen wird, eine Befriedung der Kontaktlinie zwischen den Donbass-Separatisten und der Zentralregierung sowie die Umsetzung des Minsk-II-Abkommens, dass die Ukraine 2015 abgeschlossen hatte. Dieses Abkommen hätte sogar die Kontrolle der Zentralregierung über die Separatistengebiete wiederhergestellt hätte, allerdings unter Bedingungen, auf die ukrainische Nationalisten nicht eingehen wollten. Wenn von einem Krieg kein günstigerer Ausgang zu erwarten war als die Akzeptanz der Vorkriegsforderungen Russlands, dann stellt sich die Frage, warum die Ukraine und der Westen auf diese Forderungen nicht eingegangen sind. Ein solches Eingehen hätte die bestehende Weltordnung nicht verändert und auch die geostrategische Lage des Westens nicht verschlechtert. Es hätte die Souveränität der Ukraine nicht wesentlich berührt und ihre territoriale Inetgrität gar nicht.

Nehmen wir an, der Westen und die Ukraine glaubten tatsächlich, dass Putin nur bluffe und doch keinen Krieg beginnen würde. Dann hätte es Ende März/Anfang April 2022 noch einmal eine Chance für einen Friedensschluss gegeben. Die russische Führung hätte darauf eingehen können, weil die sie bis dahin nur relativ geringe Verluste und Aufwendungen gehabt hatte. Sie hätte darauf eingehen wollen, weil bereits klar geworden war, dass der ukrainische Widerstand nicht in absehbarer Zeit zusammenbrechen würde. Die Verhandlungen waren bereits relativ weit fortgeschritten. Die russischen Forderungen entsprachen damals noch den Vorkriegsforderungen. Zu diesem Zeitpunkt wäre Russland bereit gewesen, bis dahin besetzte Territorien wieder zurückzugeben. An dem Punkt aber, an dem der ukrainischen Führung und dem Westen klar wurde, dass die Gefahr eines schnellen Zusammenbruchs der Ukraine gebannt war, wollten diese Parteien keinen Frieden mehr schließen. Was sie sich dabei gedacht haben, erschließt sich mir nicht. Die Ukraine war weiterhin unterlegen. Sie war es im April 2022 auf Sicht der nächsten Monate und sie war es in einem potentiell langen Krieg aufgrund der Größenverhältnisse der Länder sowieso. Selbst die im Herbst 2022 eingetretenen ukrainischen Erfolge waren nicht sicher vorhersagbar. Sie waren einem Fehler der russischen Seite zuzuschreiben, nämlich einer zu späten Teilmobilmachung.

Vor diesem Hintergrund sollten wir die Vorschläge von Haass und Kupchan bezüglich der kommenden Monate noch einmal kritisch betrachten.

Aussichten einer ukrainischen Offensive

Die russische Seite hat an der ukrainischen Südfront eine tief gestaffelte Verteidigung aufgebaut. Dort und hinter der Donbass-Front stehen große russische Truppenkontigente, die über den Winter nicht gekämpft haben. Russland wendet in seiner jetzigen Offensive an der Donbass-Front etwa dreimal soviel Artilleriemunition auf, wie die Ukraine, wobei die Ukraine bereits mehr Artilleriemunition verschießt, als der Westen produzieren kann. Wenn sie in die Offensive gehen will, wird sie ihre Artillerieaktivität erheblich erhöhen müssen. Die Ukraine ist in Bezug auf Raketen, Kampfflugzeuge und Panzer erheblich unterlegen, selbst wenn man die realistisch größtmöglichen westlichen Waffenlieferungen in Betracht zieht. Was Kampfflugzeuge betrifft, können mindestens bis Herbst 2023 nur alte sowjetische Typen aus ehemaligen Ostblockländern zur Verfügung gestellt werden, weil es keine an westlichen Typen ausgebildeten ukrainischen Piloten gibt. Es läuft derzeit auch noch keine solche Ausbildung. Die ukrainische Luftverteidigung scheint nach US-amerikanischen Einschätzungen in geleakten Dokumenten nur noch geringe Bestände an S-300 und Buk-Luftabwehrraketen zu haben. Die wenigen bisher gelieferten westlichen Luftabwehrsysteme reichen nicht für eine Flächenverteidigung aus, die bisher noch leidlich funktioniert. Die einzige waffentechnische Überlegenheit für eine kommende Offensive besteht dem Vernehmen nach in einer großen Zahl westlicher Kampfdrohnen. Diese sollten ausreichen, um in der Anfangsphase der Offensive die russische Truppenluftabwehr zu überlasten. Andererseits sind Teile der besten ukrainischen Truppen und der für die Offensive im Winter neu aufgestellten und ausgebildeten Truppen stattdessen in und um Bachmut eingesetzt und stark dezimiert worden.

Nach Ansicht russischer Militärblogger wird die Ukraine dennoch etwa 300’000 bis 400’000 Soldaten für ihre Offensive einsetzen können. Für eine erfolgreiche Offensive benötigt man etwa eine Überlegenheit um einen Faktor von drei. Angesichts der waffentechnischen Verhältnisse und der ausgebauten Verteidigungslinien dürfte der Faktor in diesem Fall kaum kleiner ausfallen, sondern eher größer. Da die russische Seite sehr viel mehr als 100’000 Soldaten einsetzt, folgt, dass die ukrainische Seite bestenfalls lokal wird Durchbrüche erzielen können. Auch das wird nur dann gelingen, wenn sie von der russischen Seite unbemerkt oder sehr schnell Truppen dafür konzentrieren kann. Sobald die Angriffskeile steckenbleiben, sind diese Truppen stark gefährdet.

Wenn die ukrainischen Streitkräfte zu einer Offensive antreten, ist sicher mit lokalen Anfangserfolgen zu rechnen, allerdings unter hohen Verlusten. Es ist nicht sicher, ob die ukrainischen Truppen nach einem Steckenbleiben einer Gegenoffensive standhalten könnten oder ob die Fokussierung auf eine Offensive zum Beispiel im Süden der russischen Seite die Möglichkeit einer eigenen Großoffensive an der Donbass-Front eröffnen würde. Eine ukrainische Großoffensive wäre ein Va-Banque-Spiel. Deshalb bin ich nicht einmal sicher, dass die ukrainische Seite dieses Wagnis überhaupt eingehen wird. Allerdings werden die westliche Unterstützung und die Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung kaum aufrechtzuerhalten sein, wenn die Ukraine das ganze Frühjahr, den ganzen Sommer und den ganzen Herbst ohne einen Offensivversuch verstreichen lässt.

Richtig an der Argumentation von Haass und Kupchan ist, dass eine im strategischen Sinn erfolgreiche Offensive mindestens eine schnelle Ausweitung der westlichen Waffenlieferungen in quantitativer und qualitativer Hinsicht erfordern würde. Selbst wenn das geschähe, wäre ein strategisch relevanter Erfolg nicht garantiert und das Risiko einer katastrophalen Niederlage durch eine russische Gegenoffensive nicht gebannt. Es stellt sich daher die Frage, warum man weitere Verluste hinnehmen und weitere Aufwendungen betreiben sollte, nur um die Kontaktlinie, an der dieser Krieg einfrieren wird, vorher noch etwas zu verschieben. Das würde nur dann Sinn ergeben, wenn die gegenwärtige Kontaktlinie für die Ukraine im Fall eines Wiederaufflammens der Kampfhandlungen sehr schwer zu verteidigen wäre oder wenn knapp jenseits dieser Linie Ressourcen liegen würde, welche die Ukraine für ihre Fortexistenz unbedingt benötigt. Beides ist nicht der Fall. Ob der Konflikt an der jetzigen Kontaktlinie oder zu Jahresende eingefroren wird, an einer Linie, die sich nach Lage der Dinge auch zu russischen Gunsten verschieben könnte, macht strategisch gesehen keinen Unterschied. Haass und Kupchan sind intelligent und erfahren genug, um das zu wissen.

Wenn sie dennoch vorschlagen, was sie da vorschlagen, hat das keine rationalen Gründe, sondern politische. Der Vorschlag, den Konflikt jetzt und an der jetzigen Linie einzufrieren, hätte im Westen und in der Ukraine keine Chance auf Verwirklichung. Angesichts der zunehmenden Erschöpfung der ukrainischen Truppen und der westlichen Waffen- und Munitionsvorräte, der soliden Unterstützung des Kriegs in der russischen Bevölkerung und der bisher anhaltenden militärischen Initiative der russischen Seite hätte aber auch diese keinen Anlass, jetzt auf einen solchen Vorschlag einzugehen.

Aussichten einer Verhandlungslösung

Haass und Kupchan sind hochintelligent, erfahren und hervorragend informiert. Dennoch hat ihr Vorschlag – die beste Lösung unter den ausschließlich schlechten noch verbliebenen Lösungen – keine realistische Chance auf eine Umsetzung. Die ukrainische Führung ist wild entschlossen, zu kämpfen, bis der Krieg unzweifelhaft verloren ist. Sie kann nach ihrer bisherigen Politik auch gar nicht anders, ohne zu stürzen. Der Westen könnte sie freilich zwingen. Unter der Zwischenüberschrift «Kiew überzeugen» schreiben Haass und Kupchan wörtlich: «Die Ukraine hätte kaum eine andere Wahl, als einer Politik zuzustimmen, die ihr die wirtschaftliche und militärische Unterstützung gewährt, die sie benötigt, um das von ihr kontrollierte Gebiet – den größten Teil des Landes – zu sichern, während die gewaltsame Befreiung der Gebiete, die noch unter russischer Besatzung stehen, vom Tisch ist.»

Allerdings kann der Westen Putin nicht die Hand führen. Wie groß die westliche Unterstützung der Ukraine in diesem Sommer und Herbst auch ausfällt – es ist unwahrscheinlich, dass die russischen Verluste ein Ausmaß annehmen, unter dem die russische Führung gezwungen wäre, einem Waffenstillstand zuzustimmen. Die russischen strategischen Denker sind in Bezug auf einen langen Krieg zu den gleichen Überlegungen fähig wie Haass und Kupchan. Es gehört zum strategischen Grundwissen, dass ein langer Krieg für beide Seiten verheerend ist (das wusste schon Sun Tsu), dass aber die Seite mit den größeren Ressourcen ihn gewinnen wird. Russland kann mehr Soldaten mobilisieren – und opfern – und auf absehbare Zeit auch mehr Munition und Waffen produzieren als der Westen. Den zweiten russischen Vorteil könnte der Westen mit großen Anstrengungen in zwei bis drei Jahren neutralisieren. Geht der Krieg aber bis dahin in dieser Intensität weiter – und das kann Russland erzwingen und durchhalten – so gehen der Ukraine vorher die Truppen aus. Fügt man diese Überlegungen denjenigen von Haass und Kupchan hinzu, so ergibt sich, dass die Ukraine diesen Krieg verlieren wird. Daraus wiederum folgt, dass die ukrainische Seite und der Westen eigentlich einen Frieden erreichen müssten, indem sie Russland etwas anbieten, was es derzeit noch nicht hat. Das könnte zum Beispiel der Rest der Oblast Donezk sein im Austausch für noch besetzte Teile der Region Charkiw und für einen russischen Verzicht auf die ukrainisch kontrollierten Teil der Regionen Cherson und Saporischschija. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ukraine und der Westen derart erleuchtet werden, eine solche Lösung vorzuschlagen, beträgt exakt Null.

Fazit

Nach all dem stellt sich die Frage, warum ich diesen Blogbeitrag mit «Stimmen der Vernunft» betitelt habe. Nun, im Vergleich zu den politischen Führungen in der Ukraine, in den USA und in Großbritannien darf man Haass und Kupchan sicher als Stimmen der Vernunft bezeichnen. Das gilt noch mehr im Vergleich zu den deutschen Ministern Baerbock und Lindner («Die Ukraine kann diesen Krieg gewinnen»), die keine Ahnung von dem haben, worüber sie reden. Viele andere westliche Akteure wissen das schon. Sie verdrängen aber die unangenehme Realität, die sich aus ihrem vorherigen Versagen ergeben hat. In der Politik ist es allgemein so, dass unangenehme Entscheidungen vertagt werden, bis sie unausweichlich (und damit noch unangenehmer) geworden sind.

Und was hat das Ganze nun mit den Ergebnisse der Pandemiepolitik zu tun? Falsche Politik führt zu Schäden und Verlusten, die zu einem Teil nicht wieder gut gemacht werden können.


623 Antworten zu “Stimmen der Vernunft”

  1. In der Presse gelesen:
    Russland zum Beispiel versuche auf vielen Ebenen, das demokratische System in Deutschland zu destabilisieren. Verbreitet werde etwa die Erzählung, dass der Kreml den Krieg gegen die Ukraine auch deshalb führe, weil die eigenen Sicherheitsinteressen durch den Westen verletzt worden seien.

    Solche Erzählmuster würden unter anderem von Teilen der AfD in Deutschland weitergetragen, sagte Haldenwang.»

    Da lag ich also mit meiner Einschätzung falsch und bin danach bei der AFD angesiedelt. Wußte ich nicht.

    • «…bin danach bei der AFD angesiedelt.»

      Tja, Sie sind den braunen Rattenfaengern auf den Leim gegangen – und sind damit nicht alleine.

      «Indem aus Teilen dieser Partei heraus auch russische Narrative weitergegeben werden, weitergesteuert werden, trägt das dazu bei, dass Rechtsextremismus in Deutschland expandieren kann und auch in diesen Kreisen dann eben Putins Lied gesungen wird» (Thomas Haldenwang – BfV-Praesident)

      Am Besten ist, bevor man einen Gedanken aeussert, sich erstmal informieren, welche aktuelle Position die AfD dazu hat – und dann konsequent das Gegenteil behaupten (Ironie off.)

    • «Da lag ich also mit meiner Einschätzung falsch und bin danach bei der AFD angesiedelt. Wußte ich nicht.»

      Die Ableitung geht so:

      Nicht der Meinung der etablierten Parteien und des Mainstream-Journalismus = rechts = extrem rechts = AfD = verfassungsfeindlich

      Irgendwoher kenne ich dieses Muster.

      • Das Problem ist einfach, es geht nicht darum ob eine Meinung richtig oder falsch ist. Man muß sie haben dürfen.
        Wie man die in die Tat umsetzt ist eine völlig andere Frage.
        Und gegen jede Meinung darf man kritisch argumentativ vorgehen.
        Es muß schon extrem vorgehen bevor man davon abweicht. Zum Beispiel wenn es Richtung Bedrohung geht.
        Daß 1 Meinung der AFD mit meiner übereinstimmt, ich habe ja kein Urheberrecht darauf und wenn die AFD sie übernehmen will, bitte.

    • «Am Besten ist, bevor man einen Gedanken aeussert, sich erstmal informieren, welche aktuelle Position die AfD dazu hat – und dann konsequent das Gegenteil behaupten»

      Das ist sehr praktisch – für die AfD. Wenn sie etwas verhindern will, muss sie es nur selbst vorschlagen. Schwupps, das war’s dann für die Idee.

      • Ja, klar – kommt auch noch. Die nutzt schon andere Ideen praktisch. Siehe Thueringen – wenn’s korrekt zugegangen waere, haetten die Ramelow verhindert. Oder jetzt in Berlin: Kai Wegner wohl mit Stimmen der AfD ins Amt gehievt.

  2. War ich hier nicht mal leise kritisiert worden, weil ich in einem Titel Bachmut als Artjomowsk bezeichnet hatte? Das ist tatsächlich die (alte) neue Bezeichnung für das, was von Bachmut noch übrig ist.

    Das neue Narrativ des Institute for the Study of War ist, dass die Wagner-Gruppe in Bachmut geschwächt wurde. Personell gesehen dürfte das stimmen. Andererseits hat sie aber Erfahrung im Häuserkampf gesammelt, die weltweit einmalig sein dürfte. Für eine Söldner-Gruppe ist der Sieg in Bachmut ein Verkaufsargument. Und Prigoschin selbst ist dabei ja nicht ums Leben gekommen.

    • Die NZZ hat ein noch phantasievolleres Narrativ. Das Festhalten an Bachmut sei zwar militärisch fragwürdig gewesen, nichtdestoweniger aber politisch lohnenswert, weil es zu mehr Solidarität mit der Ukraine geführt habe.

    • «War ich hier nicht mal leise kritisiert worden…»

      Wenn Sie mich meinen: Noe, das war keine Kritik – weder leise noch nicht mal leise. Das war nur Erstaunen. Der Moskauer «Welt»-Reporter» hat den von Anfang an und jedes Mal mit benutzt. («Die Russen nennen die Artjomowsk»)

      Und ich hatte da ja erstmal nur die Ueberschrift gelesen 😉

  3. Institute for the Study of War

    Zum Angriff auf russisches Territorium von ukrainischem Boden aus durch das pro-ukrainische «Russische Freiwilligen-Corps» (RDK):

    «Die am 22. Mai veröffentlichten geolokalisierten Aufnahmen bestätigen, dass die RDK einen Grenzposten in der Nähe von Kozinka getroffen hat, bevor sie mit mindestens einem Panzer die Grenze überquerte.»

    Desweiteren:

    «Der Finanzier der Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, erklärte, dass sich die Wagner-Kräfte nach dem 1. Juni von der gesamten Frontlinie in der Ukraine zurückziehen werden, um sich neu zu formieren und etwa zwei Monate lang zu trainieren.»

    «Am 21. Mai veröffentlichte geolokalisierte Aufnahmen zeigen, dass die Wagner-Kräfte auf den Eingang T0504 im Südwesten von Bakhmut vorrücken.»

    «Die russischen Streitkräfte setzten ihre Bodenangriffe fort und rückten am 22. Mai schrittweise südlich von Kreminna vor. Geolokalisiertes Bildmaterial, das am 22. Mai veröffentlicht wurde, zeigt, dass russische Truppen in die Nähe der Filtrationsstation am südöstlichen Stadtrand von Bilohorivka (etwa 13 km südlich von Kreminna) vorgedrungen sind.»

    «Die russischen Streitkräfte haben am 22. Mai geringfügige Gebietsgewinne in der Region Avdiivka erzielt. Die am 21. Mai veröffentlichten geografischen Aufnahmen zeigen, dass die russischen Streitkräfte südwestlich von Perwomaiske (11 km südwestlich von Awdijiwka) geringfügige Gebietsgewinne erzielt haben.»

    «Der ukrainische Generalstab meldete am 22. Mai, dass die russischen Streitkräfte 21 Shahed-Drohnen auf die Ukraine und 21 Raketen auf die Städte Dnipro und Saporischschja sowie das Gebiet Charkiw abgefeuert hätten, darunter vier luftgestützte Marschflugkörper des Typs Kh-101/555, fünf Marschflugkörper des Typs Kh-22, zwei ballistische Raketen des Typs Iskander-M, fünf S-300-Raketen und vier weitere, nicht näher bezeichnete Raketen. Der ukrainische Generalstab berichtete, dass die ukrainischen Streitkräfte alle Kh-101/555-Raketen und Shahed-Drohnen abgeschossen hätten.»

  4. Zollfreibetrag von 150 Euro für Importe in die EU soll fallen.
    Nach den Sanktionen der USA gegen China verbietet China Käufe von Chips des US-Herstellers Micron.
    Nur 2 Beispiele, es gibt weitere Maßnahmen die aller Wahrscheinlichkeit nach einen sich steigernden Wirtschaftskrieg markieren.
    Der Westen möchte sich unabhängig machen, gleichzeitig den Einfluß Chinas bekämpfen.
    China hat nun die gleiche Strategie ausgerufen und lernt am Beispiel Russland.
    Deutschland hat zum Beispiel die Dienstleistungsgesellschaft favorisiert, Produktion vernachlässigt. China war und ist die «Werkbank».
    Nun erkennt man, die «Werkbank» produziert und die Dienstleistungsgesellschaft baut keine Computer. Die Produktion zurückzuholen schaffen wir auch langfristig nicht, aber wird das von der Politik bedacht?
    Dazu fehlen die Leute, das Kapital, der Platz und diese Punkte sind nicht die einzigen die dagegen sprechen.
    Die Aufrüstung könnte schon der Beginn eines Druckaufbaus gegenüber China sein, man denkt evtl. bereits über Russland hinaus.
    Deutsche Militäraktionen im Bereich China hatten wir schon einmal. Daran sollte man auch denken.
    Der Westen verliert an Einfluß und versucht dies mit einer härteren Gangart zu kompensieren. Ich glaube kaum, daß das auf Dauer gelingen wird. Man wird andere Lösungen finden müssen.
    «Zeitenwende» ist gar nicht so falsch. Und gefährlich dazu.

      • Dazu kommt noch der Preis für diese Erzeugnisse. Zugehörig auch die Produktionsflächen, da stemmen sich gleich die Grünen dagegen. Energie, Umweltvorschriften, Straßenverkehr.
        Man verkauft uns eine Perspektive die so nicht durchführbar ist. Nicht ohne große Änderungen und Verwerfungen. Und in 5 oder 10 Jahren wäre zudem kaum etwas erreichbar.
        Ja, die Fachleute wären nicht da. Auch die Ausbildungsplätze um Neue heranzuziehen. Teilweise fehlt sogar das Know-how.
        Man sollte Politiker einfach fragen, wie sie sich das vorstellen. Wobei, durchführen müßten es ja sowieso andere.
        Und wieder einmal, wieso haben Politiker so wenig Ahnung von der Praxis?

    • Nun ja, da ist nicht so viel zu prüfen. Die Aufnahmen sind geolokalisiert, die Fahrzeuge sind klar zu erkennen. Die russische Seite könnte sie höchstens von einem anderen Frontabschnitt oder aus einem Lager sehr schnell dorthin gebracht haben, um die Aufnahmen zu machen. Das wäre dann aber erstklassige Organisation gewesen, denn kurz bevor die Aufnahmen gemacht wurden, war das Gebiet ja noch umkämpft.

  5. » «Diese Verlegung ist ein falscher Schritt», sagte der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner. «Belarus selbst widerspricht mit einer solchen Verlegung mehreren Erklärungen, in denen es sich international festgelegt hat, ein nuklearwaffenfreies Territorium zu sein», fügte er hinzu. Auch Russland stehe damit im Widerspruch zu eigenen Erklärungen, «in denen es heißt, dass alle Kernwaffenstaaten keine Kernwaffen außerhalb des eigenen Hoheitsgebiets stationieren sollten», fuhr Büchner fort.»

    Die USA haben diese Erklärung anscheinend nicht abgegeben, sonst wären die Atomwaffen in Deutschland irrtümlich stationiert worden.

  6. Das Geschacher geht weiter.
    Die USA gratulieren Erdogan zum Wahlsieg. Möchten mit ihm reden, F-16 zu liefern gegen die Nato Aufnahme Schwedens.
    Für die Türkei interessant, Waffen im Gegengeschäft zu erhalten. Weiter aufrüsten für das nächste Scharmützel.

  7. Man möchte nun auch Eurofighter.
    So langsam fragt man sich, wäre der Krieg ohne die Waffenlieferungen nicht schon zu Ende und auch mit einem besseren Ergebnis für die Ukraine?
    Reparationen wurden wieder ins Spiel gebracht. Ein Zweischneidiges Schwert für den Westen. Wir bezahlen die kaum, andere ebensowenig. Hat noch keiner bemerkt? Denke schon, aber bei Russland wirft man vieles über Bord und ich glaube, das kommt aus einem sehr kleinen Zirkel von Interessenten.
    Reparationen von Angreifern wäre durchaus richtig, aber wieso hört man sonst so wenig darüber? Man kann sich denken weshalb, aber das diskreditiert auch die derzeitige Forderung.
    Der Westen ist sicher nicht interessiert, das generell einzuführen. Beim absolut Bösen macht man eine Ausnahme.
    Oder gilt nun tatsächlich, beim Überschreiten einer Grenze sind bei Schäden Reparationen zu bezahlen? Wie würde das die Rechtsprechung sehen? Und wie sieht es mit geheimdienstlichen Tätigkeiten aus?

    • «wäre der Krieg ohne die Waffenlieferungen nicht schon zu Ende und auch mit einem besseren Ergebnis für die Ukraine?»

      Das kann man nicht ausschliessen. Wenn von Anfang an klar gewesen wäre, dass die Ukraine Waffen nur kaufen kann, hätte sie Ende März/Anfang April 2022 die Verhandlungen zum Abschluss bringen müssen. Nach allem, was man damals gehört hatte, hätte das territorial den Status quo von vor dem 24. Februar 2022 und die Aufgabe der Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft bedeutet.

      Derzeit ist nicht absehbar, dass die Ukraine noch zu einem solchen Ergebnis kommen wird, geschweige denn zu einem besseren.

      • Derzeit ist nicht absehbar, dass die Ukraine nach Ende des Krieges noch weiter existiert, wenn’s nach Medwedews Aufteilungsplaenen geht.

        Also ich kann die ukrainische Fuehrung verstehen, dass die bis zum letzten Ukrainer kaempfen wollen und wenn irgendwie moeglich die NATO-Staaten noch direkt da mit reinziehen. Selbst auf die Gefahr des dritten Weltkriegs.

        • Nun ja, zum jetzigen Zeitpunkt bleibt der Ukraine wirklich keine Möglichkeit, als weiter zu kämpfen. Sie müsste aber nicht unbedingt noch weiter eskalieren mit Angriffen auf russisches Territorium.

          Psychologisch ist das verständlich, aber strategisch ist es unsinnig. So etwas wird wohl kaum zum Sturz Putins führen und wenn doch, dann nur zum Ersatz durch Kräfte, die auf der russischen Seite eskalieren. In beiden Fällen (Putin weiter an der Macht, noch nationalistischere Kräfte an der Macht) führen diese Aktionen nur dazu, dass die russische Bevölkerung noch stärker hinter dem Krieg steht.

          • «Sie müsste aber nicht unbedingt noch weiter eskalieren…»

            Ja, das ist ein Spiel mit dem Feuer, aber wohl die ukrainische Denkweise: Die russische Bevoelkerung aufwiegeln, dass die von innen heraus den Putin stuerzen. Paar rechtsradikale proukrainische russische Gruppen gibt’s ja bereits.

            Und natuerlich, um noch mehr und leistungsstaerkere Waffen vom «Westen» zu erzwingen. Damit es wenigstens zu einer Sommeroffensive kommt.

            • Ich schätze, solange die Ukraine für den Westen den Krieg führt wird es Waffen geben. Eine Verhandlungsbereitschaft könnte da hinderlich sein.
              Der Eu oder NATO Beitritt dient als Lockmittel.
              Rational betrachtet hat man zwar Interesse an Stützpunkten dort, aber die folgenden Probleme möchte eigentlich keiner in Kauf nehmen. Daher sehe ich die Beitritte noch kritisch.
              Ich denke auch, man will soweit eskalieren, daß die NATO in die Zwangslage kommt eingreifen zu müssen. Das ist allerdings nicht im Interesse der NATO. Zumindest jetzt noch nicht. Es gibt ja noch die Atomoption. Daher wird man sehr vorsichtig sein.
              Zurück will gerade keiner, trotz der weiter steigenden Schäden.
              Die Maßnahmen sind immer noch darauf ausgerichtet, die ärmeren 50% weiter zu belasten. Nur sind dort in den letzten Jahren die Ersparnisse weggeschmolzen und durch die erhöhten Fixkosten das freie Kapital sehr gering. Da besteht kaum noch Spielraum und die AFD wird in diesem Bereich die Wähler einsammeln.

              • «Ich denke auch, man will soweit eskalieren, daß die NATO in die Zwangslage kommt eingreifen zu müssen.»

                Ja, sie wollen ja alles zurueck incl. Krim. Und allein (bzw. nur mit Waffenhilfe) schaffen die das nicht. Soviel Realitaet ist im ukrain. Fuehrungsstab schon vorhanden, denke ich mal.

            • «Und natuerlich, um noch mehr und leistungsstaerkere Waffen vom «Westen» zu erzwingen. Damit es wenigstens zu einer Sommeroffensive kommt.»

              Ich glaube nicht, dass die Waffenausstattung entscheidet, ob eine Sommeroffensive Erfolgsaussichten hat. Der Ukraine waffentechnisch eine grosse Ueberlegenheit gegenüber Russland verschaffen kann man ja nicht.

  8. Institute for the Study of War

    Es gibt nur geringe Frontverschiebungen. Insbesondere finden im Frontabschnitt bei Bachmut kaum Aktivitäten beider Seiten statt. Die kleinen Verschiebungen, die es gibt, gehen zugunsten der russischen Seite.

    An der Südfront tauschen beide Seiten Artilleriefeuer aus.

  9. «Die NATO-Außenminister werden bei ihrem Treffen im norwegischen Oslo nach Angaben von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock über eine Stärkung der «Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit der NATO» sprechen. Russlands Präsident Wladimir Putin habe im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gezeigt, dass er «vor keiner Norm Halt macht, die nicht mit Macht verteidigt wird»,»

    Man sollte sich dabei aber immer noch vor Augen führen, die NATO hat bisher keiner angegriffen. Umgekehrt ist das schon eher der Fall, zumindest von Mitgliedern die sich dann in den Schutz der NATO zurückziehen.

  10. Die Warnungen vor KI nehmen gerade zu, getragen von den einstigen Befürwortern. Zur Zeit scheint es allerdings nicht möglich diese noch einzufangen.
    Eine Ähnlichkeit zur Entwicklung der Atombombe ist gegeben. Auch wenn es Unterschiede gibt.
    Vielleicht wird manchen langsam klar, wofür man KI zuerst benutzen wird und wer besonderes Interesse daran hat. Eine Kontrolle ist kaum noch möglich. War wohl eine zwangsläufige Entwicklung.

    • «Zur Zeit scheint es allerdings nicht möglich diese noch einzufangen.»

      Das denke ich auch. Es ist eher ein Wettrüsten, wie bei der Atombombe. Wenn unsere Seite ein KI-Moratorium befolgt, werden sich weder China noch das organisierte Verbrechen anschliessen.

      • Ein Moratorium komplett zu kontrollieren halte ich für aussichtslos. Der Zugang oder die Arbeiten an öffentlich zugänglichen Bereichen kann man beschränken. Aber die geheimen staatlichen Projekte, ebenso unscheinbare Teilgebiete sind da außen vor. Zu groß ist der Anreiz sich Vorteile zu verschaffen.
        Der Laie denkt noch an Betrug durch Schüler und Studenten. Die eigentlichen Akteure und Gefahren sind aber noch gar nicht präzisiert.
        Wie fange ich etwas ein das bald keiner mehr umfassend versteht und sehr fließende Übergänge aufweist?
        Bei einer Atombombe oder chemischen, biologischen Waffen habe ich wenigstens etwas physisch vorliegendes.

        • «das bald keiner mehr umfassend versteht»

          Ich denke, das «bald» können Sie weglassen. Wenn man die Publikation zu GPT-4 liest, sieht man, dass die grosse Expertengruppe von OpenAI auch nicht vorhersagen konnte, wie sich das System verhalten würde. Man hat das experimentell herausgefunden und dann so lange weitere Sicherheiten eingebaut, bis man glaubte, das System freigeben zu können. Dem Vernehmen nach ist es aber auch dann noch Leuten gelungen, bestimmte Sicherheitsschranken durch geschickte Anfragen zu umgehen.

          • Sogenannte Sicherheitsvorkehrungen sind umfassend eigentlich nur möglich, wenn ich ein System kenne. Ansonsten kann ich nur nachträglich reagieren, oder austesten was man sich vorstellen kann. Bei so einem komplexen System kann das lange dauern und da sich die Grundlagen laufend weiterentwickeln, muß man permanent anpassen bzw neu testen.
            Das ist ein bisschen fischen im Trüben.
            Gehen wir einmal davon aus, jemand sagt etwas und wir werten dies als Meinung. Wie ist das bei der KI? Nehmen wir es als Fakt oder als Meinung?
            Man könnte sagen, wir werten beides gleich. Zum Beispiel als Meinung. Nur müßten wir dann die KI entsprechend einsetzen. Sinnvoll wird es aber erst, wenn wir KI Aussagen als Fakt werten können, damit es uns weiterbringt. Ist die Überprüfung allerdings völlig unmöglich wird es gefährlich.
            Bei menschlichen Aussagen weiß man häufig, ob etwas als Meinung zu betrachten ist. Man nimmt sie entsprechend als Solche.
            Ich gehe davon aus, zum jetzigen Stand kommt es sehr darauf an, wozu man KI benutzt. Dafür gibt es aber keine Regel und einhalten würde man sie kaum.
            Der Vergleich mit menschlichen Unzulänglichkeiten schlägt insofern fehl, da man eine KI nicht entwickelt um eine weitere unzulängliche Institution zu schaffen.
            Ich glaube, die Entwickler suchen gerade eine Möglichkeit, die Verantwortung abzuwälzen, z.B. durch ein Moratorium mit neuen Regeln bei denen der Anwender sämtliche Verantwortung übernimmt.

            • «Wie ist das bei der KI? Nehmen wir es als Fakt oder als Meinung?»

              Bei ChatGPT und GPT-4 ist es eindeutig eine Meinung.

              Vermutlich ist das bei GPT-basierten Sprachmodellen auch unvermeidlich, obwohl Elon Musk behauptet, er könne «TruthGPT». Mir ist nicht klar, wie das gehen soll. Dafür würde man ja mindestens einen Trainingsdatensatz brauchen, der vollständig wahr ist. Ich denke, dass es so etwas bestenfalls in der Mathematik und in Teilen der theoretischen Physik gibt.

              • Da stellt sich die Frage nach Chance oder Gefahr. Ich sehe beides. Was überwiegt kann ich nicht einschätzen.
                In den Händen Weniger, sehe ich aber eher ein Problem. Denn Diese sind nicht gerade gemeinnützig orientiert.

  11. «Chinas Verteidigungsminister Li Shangfu hat vor NATO ähnlichen Bündnissen im Indopazifischen Raum gewarnt.»
    Der Westen will gegen den chinesischen Machtanspruch in der Region vorgehen. Dazu sollen 2 Kriegsschiffe im nächsten Jahr von Deutschland aus in das Gebiet geschickt werden.
    Falls die USA im Bereich China seinen Einfluß weiter ausweitet könnte es zu einer Situation wie jetzt in der Ukraine kommen. Nachdem wir Kriegsschiffe entsenden, wären wir wohl direkt involviert.
    Insofern geht es um den chinesischen Machtanspruch oder unseren.
    Der US oder der westliche Machtanspruch scheint geographisch langsam überbläht und auf Dauer wird es sicher Erosionserscheinungen geben die gefährlich verlaufen könnten. Denn kampflos wird man sich nicht zurückziehen.
    Wieviele Fronten man sich erlauben kann wird man sehen.

  12. Die Ukraine bringt nun Grünen Stahl ins Spiel. Wenn man wieder aufbaut, will man Stahl nur noch mit alt. Energie erzeugen.
    Solche Verlautbarungen gibt es immer wieder. Ich sehe das als leere Versprechen um die Unterstützer bei Stange zu halten.
    Genau so wie die Welt hungert, wegen der Getreidelieferungen usw.
    Diese Stahlwerke hätten den «grünen Strom» gar nicht, den Bau müßte das Ausland bezahlen.
    Auf vielen Gebieten versucht man, andere Länder mit hineinzuziehen oder Lockangebote zu entwickeln. Ich glaube nicht, daß das auf Dauer funktioniert.

  13. Es geht hin und her. Lohnt sich kaum über Frontentwicklungen zu reden.
    So langsam verflacht auch die Berichterstattung. Anderes tritt etwas mehr in den Vordergrund. Das beinhaltet aber auch die Gefahr, daß unter dem Radar Entscheidungen gefällt werden bzw Prozesse ablaufen, die uns später überraschen könnten.
    Reisner berichtet weiter und ist sehenswert.
    China und USA sind wieder etwas freundlicher gegeneinander, aber ich schätze, man will die Konfrontation nur etwas in die Zukunft verschieben, da man wohl mit einem längeren Krieg in der U. rechnet und andererseits China noch Zeit braucht.

    • «So langsam verflacht auch die Berichterstattung.»

      Stimmt. Es ist nicht mehr unbedingt, der erste Beitrag, der in den Nachrichten kommt. Und auch nicht mehr in aller Ausfuehrlichkeit.

      Ich deute das so, dass die ukrain. Offensive nicht ganz so schnell vorankommt, wie man das erhofft hat.

      Einschaetzung von Reisner:

      «Die Ukraine hat nach Einschätzung des Experten noch einige Reserven für die Offensive. ‹Man kann davon ausgehen, dass etwa drei bis vier Brigaden unmittelbar an der Front eingesetzt sind, während zwei Drittel der Kräfte immer noch bereitgehalten werden, um möglicherweise nach dieser operativen Pause und nach dieser Neubeurteilung eingesetzt zu werden›, analysiert Reisner. Dabei müsse die Ukraine aber sehr sorgsam vorgehen, ‹weil es ein großes Manko gibt, das die Ukraine hat›: Sie habe keine ‹potente Luftstreitmacht, um diese Offensive weiter voranzutreiben›. Die Ukraine müsse daher ’sehr ressourcensparend› vorgehen. (tas)»

      Ich fuerchte, der Krieg wird dieses Jahr keineswegs zu Ende sein, wenn nicht noch irgendwas voellig ueberraschendes passiert.

      Dabei hat die Menschheit so viele andere Probleme, die zu loesen waeren.

  14. Wie ich gelesen habe, nehmen die Klicks bezüglich Krieg ab. Die Presse braucht neue Sensationen. Das derzeitige Geschehen ist nicht mehr so interessant bzw man wartet auch neue Nachrichten

  15. Klitschko geht Selenskyj an:

    «Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ungewöhnlich deutlich «Fehler» vorgeworfen. «Die Leute fragen sich, wieso wir auf diesen Krieg nicht besser vorbereitet waren. Wieso Selenskyj bis zum Schluss verneinte, dass es dazu kommen werde», sagte Klitschko dem schweizerischen Nachrichtenportal «20 Minuten». «Es gab zu viele Informationen, die sich mit der Realität nicht deckten», sagt der Ex-Boxweltmeister, der um mehr Ehrlichkeit warb mit Blick auf die wahre Lage der Ukraine in ihrem Kampf gegen Russlands Angriffskrieg.»Selenskyj zahlt für die Fehler, die er gemacht hat», so Klitschko. «Selbstverständlich können wir euphorisch unser Volk und unsere Partner anlügen. Aber das kann man nicht ewig machen», sagte Klitschko weiter in dem Interview, das mehrere ukrainische und russische Medien aufgriffen. Der 52-Jährige stellte sich auch demonstrativ auf die Seite des ukrainischen Oberkommandierenden der Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, der zur Verärgerung Selenskyjs unlängst von einer Pattsituation in dem Krieg gesprochen hatte.»

    • Hat mich auch etwas überrascht. Bleibt der Erfolg aus und die Verlautbarungen werden angezweifelt, fängt es an zu bröckeln.
      Aber er selbst ist auch nicht ganz unschuldig in diesem Spiel.
      Vielleicht möchte er Präsident werden.
      Haben vielleicht die Ideen für nach Selenskyj angefangen Blüten zu treiben?

        • «kam wie voellig aus dem Nichts»

          Ich denke nicht. Mir war natürlich auch nicht klar, dass es Klitschko sein würde, aber das sich irgendein ziviler Politiker offen auf die Seite der militärischen Führung stellen wird, war nicht so unwahrscheinlich.

          Im ersten Moment ist man natürlich völlig überrascht. Im Nachhinein sieht man, was alles auf diesen einen Moment hingelaufen ist.

          • Na ja, mir ging’s speziell um Klitschko, den Vitali.

            Und den Einblick, den Sie haben ueber die ukrainischen Verhaeltnisse, habe ich maximal durch eben Sie, ansonsten nicht im Geringsten.

    • Ich sag› ja, Machtkampf. Die Frage, wie die Ukraine weiter verfährt, ist eine existentielle. Sie muss geklärt werden. Selenskyj dürfte im Rahmen der weiteren Führung der Ukraine bereits keine Mehrheit mehr haben.

      Er könnte einlenken (wenn er das kann), er könnte zurücktreten oder er kann versuchen, sich mit der jetzigen Linie an der Macht zu halten. Letzteres würde vermutlich irgendwann zu einer gewaltsamen Absetzung führen.

        • Selenskyj umgeht anscheinend Saluschnyj mittlerweile und nach Aussagen entwickelt sich eine 2Teilung des Militärs. Mit jeweils einem eigenen Oberbefehlshaber.
          Das wird kaum gutgehen und am Ende wird eine Entscheidung stehen.
          Politisch wie militärisch kann das nur von Nachteil sein, auch in Bezug auf die ausländische Sichtweise.
          Immerhin sehe ich Ansätze im Ausland aus dieser Kostenfalle herauszukommen und ein guter Anlaß könnte beschleunigend wirken.
          Einige Unterstützer sind gerade etwas klamm und es wird immer schwieriger Milliardenbeträge zur Verfügung zu stellen ohne Proteste im Innland.
          Es wird ja finanziert durch Schulden, Kürzungen oder Steuererhöhungen. Keine Bereiche die ohne Kritik dauerhaft bemüht werden können. Man dachte in Deutschland schon an Kriegsanleihen, die wohl verfassungswidrig wären. An Kürzungen beim Bürgergeld ebenso. Vergessen wird, der soziale Frieden ist ein großer Vorteil für die Wirtschaft und Investitionen. Abgesehen von ethischen Notwendigkeiten.

          • «Selenskyj umgeht anscheinend Saluschnyj mittlerweile und nach Aussagen entwickelt sich eine 2Teilung des Militärs. Mit jeweils einem eigenen Oberbefehlshaber.»

            Ich halte das nicht für unwahrscheinlich, aber woher haben Sie diese Information?

              • Sehr aufschlussreich. Ich teile nicht alle Thesen dieses Artikels, zum Beispiel nicht diejenige, dass eine Wiederherstellung der Grenzen der Ukraine von 1991 dadurch zu erreichen ist, dass man 400 Milliarden US$ investiert. Insgesamt ist es aber eine gute Analyse.

                Überrascht hat mich die bisher unveröffentlichte Meinungsumfrage zu möglichen Präsidentschaftswahlen in der Ukraine, in welche die Ukrainska Prawda behauptet, Einblick gehabt zu haben. Danach würde in einer ersten Runde 42% für Selenskyj und 40% für Saluschnyj stimmen, so dass das Ergebnis einer zweiten Runde offen wäre. Das würde die sehr heftige Reaktion Selenskyjs gegen Präsidentschaftswahlen während des Krieges und seine Bemerkung erklären, Militärs sollten keine Politik betreiben.

              • Interessanter Artikel zu dem Zerwuerfnis dieser zwei Herren.

                Auch aufschlussreich (Aber keine Ahnung natuerl., ob das korrekt ist):

                «Austin wurde über den Bedarf an 17 Millionen Granaten informiert. Er war, gelinde gesagt, überrascht, weil die ganze Welt nicht so viele Granaten sammeln kann», so ein hochrangiger Verteidigungsbeamter inoffiziell gegenüber UP.

                (Ansonsten wie izi. Der hat das natuerlich gleich russisch gelesen, deshalb auch schneller mit dem Kommentar.)

                • Nee, weil das Link auf die ukrainische Version ging, habe ich mit DeepL gelesen. Ich könnte Ukrainisch verstehend lesen, weil es nahe genug am Russischen ist (wenn man das sagen darf), aber es geht bei mir nochmal langsamer als Russisch und dann ist die KI eben doch schneller.

                  Verstehend hören ist für mich bei Ukrainisch ziemlich hoffnungslos. Ich verstehe nur Bruchstücke. Wo es auf Genauigkeit ankommt, kann ich mit Originalinterviews Selenskyj oder Arachamija nichts anfangfen – ich brauche ein Transkript oder eine Sekundärquelle.

                  • «Ich könnte Ukrainisch verstehend lesen, weil es nahe genug am Russischen ist (wenn man das sagen darf)».

                    Ja und das reicht ja schon mal – im Prinzip.

                    Bin gespannt, wenn die dazu uebergehen, die ueberwiegend kyrillischen Buchstaben durch lateinische zu ersetzen.

                    • «Bin gespannt, wenn die dazu uebergehen, die ueberwiegend kyrillischen Buchstaben durch lateinische zu ersetzen.»

                      Es gibt tatsächlich eine Führungspersönlichkeit der Ukraine, die das anstrebt. Das ist der Vorsitzende des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Oleksij Danilow.

                      (und das bestätigt meine Theorie über Verschwörungstheorien – man kann keine neue erfinden. Wie abseitig auch immer, irgendjemand hatte die Idee schon vorher)

                    • Mir faellt da gerade noch ein: Die Nazis hatten ja auch eine deutsche Schrift. Mein Vater hatte ’ne Menge alter Karl-May-Buecher und als Kind konnte ich die sogar lesen.

                      Gab’s die Schrift aber auch schon zuvor…

                      Sie muessen aber nicht antworten. So wichtig ist das nun auch wieder nicht, und ich koennte mir das ja auch suchen.

                    • Die Fraktur-Schrift war keine Nazi-Erfindung. Zum Beispiel war die NZZ von ihrer Gründung bis 1946 in Fraktur gedruckt.

                      Es ist sogar noch komplizierter. Anfangs haben Teile der «Bewegung» tatsächlich die Fraktur-Schrift als «Deutsche Schrift» weiter verbreiten wollen und es gab sogar den Plan, Schreibmaschinen dafür zu produzieren und alle öffentlichen Stellen zur Benutzung dieser Schreibmaschinen zu verpflichten. Dagegen hat sich Hitler höchstpersönlich ausgesprochen.

                      1941 haben die Nazis sich sogar gegen die Frakturschrift entschieden (im Erlass wurden sie als «Schwabacher Judenlettern» bezeichnet) und sie aktiv durch den lateinisch anmutenden Schrifttyp Antiqua ersetzt.

                      Auch die deutsche Schreibschrift (Kurrentschrift oder Sütterlinschrift) wurde mit einem Erlass von September 1941 durch eine lateinische Schreibschrift ersetzt.

                    • Oh› danke fuer die weiterfuehrenden Informationen. War mir auch so, dass die Schrift nicht auf Nazi-Mist gewachsen war.

                      Und – wie schon geschrieben – es war beim Nachdenken um die ukrainische Schrift, nur so ein laengst vergessener Gedanke, der mir hier ausversehen rausgeploppt ist.

            • Seit einiger Zeit konnte man den Eindruck gewinnen, Selenskyj setzt auf «Hurra» Patriotismus, auch um das Ausland bei der Stange zu halten. Der militärische Fachmann dagegen sieht die reale Situation an der Front.
              Das passt nicht zusammen und geht nur, wenn einer der beiden sich bei öffentlichen Äußerungen zurückhält.
              S. ist dabei im Vorteil, aber das Militär ist das ausführende Organ und kann dauerhaft nicht mundtod gemacht werden.
              Der einzelne Soldat steht an der Front und riskiert sein Leben und wenn dieser demotiviert wird, weil er keinen Sinn mehr sieht, ist Selenskyj machtlos. Er sollte daher recht vorsichtig agieren, wenn er gegen Führungspersonen vorgeht, die beim Militär einen gewissen Rückhalt geniesen.

              • «Er sollte daher recht vorsichtig agieren, wenn er gegen Führungspersonen vorgeht, die beim Militär einen gewissen Rückhalt geniesen.»

                Insbesondere gegen einen Militärführer, der als Politiker etwa die gleiche Popularität genießt, wie Selenskyj selbst, obwohl er sich gar nicht politisch äußert.

                Die Ukrainska Prawda hat in Einem unbedingt Recht: Saluschnyj abzulösen, könnte politisch nach hinten losgehen, weil es ihn von der militärischen in die politische Sphäre bringen und seine ganze Kraft für die Politik freisetzen würde.

        • Hmm, ja. Erinnert etwas an Nietzsche («Der Antichrist»): «Wie ändert es am Wert einer Sache etwas, dass jemand für sie ihr Leben lässt?» (über Märtyrer)

          Von wem übrigens stammt der folgende Text?

          «Respekt vor allem, was Überzeugungen hat» – Dergleichen habe ich sogar aus dem Mund von Antisemiten gehört. Im Gegenteil, meine Herren! Ein Antisemit wird dadurch durchaus nicht anständiger, dass er aus Grundsatz lügt…

          • «Von wem übrigens stammt der folgende Text?»

            Hmm, haette ich nicht gewusst. (Anhand Ihrer Vorlieben aber sicher gefunden.)

            Aber wenn Sie schon gleich darueber mir einen Elfmeter vorlegen…

              • Ja, das Vorurteil hatte ich frueher auch. Als ich zum ersten Mal vor Jahrzehnten etwas in einem Artikel von dem gelesen hatte, da war das im Zusammenhang mit Antisemitismus. Vorher kein Thema, danach lange, lange, lange ignoriert – und kein einziges Werk gelesen bisher. So ist das.

                • Aus meiner Sicht ist er einer der besten Stilisten der deutschen Sprache und einer der zu sich selbst ehrlichsten und am wenigsten voreingenommenen Denker der Philosophiegeschichte.

                  Das bedeutet nicht, dass ich all seine Wertsetzungen teilen würde und es gibt auch Passagen, bei denen ich den Kopf schüttele. Andererseits gibt es Passagen, bei denen ich sage, das ist nun vor 150 Jahren erkannt worden und nicht zu widerlegen und es gibt immer noch Geisteswissenschaftler, die dreist genug sind, es zu ignorieren.

                  Insgesamt denke ich, dass Nietzsche nicht unbedingt zur Allgemeinbildung gehört, dass aber niemand mehr Philosophie (und selbst menschliche Psychologie) betreiben sollte, ohne Nietzsche gelesen und verstanden zu haben. Ausgehend von diesen Erkenntnissen kann man andere Ansätze verfolgen, aber an diesen Erkenntnissen vorbei führen nur Irrwege.

                  • Danke.

                    Ehrlich gesagt, eigentlich habe ich gar keine Zeit arbeiten zu gehen 😉

                    Ich hatte mal einen Artikel gelesen, dass S. Wagenknecht taeglich 8 h liest (oder waren es noch mehr Stunden?) Die ganz grossen Denker lasen bis zu 16 h am Tag.

                    Ich frage mich, woher die die Zeit nahmen. Nach der monotonen Arbeit, wird bei mir faktisch gar nichts mehr mit Lesen. Maximal jetzt wieder am WE, aber da ist dann meistens auch anderes zu tun.

                    Dabei interessieren mich so viele Themen…

                    • «Ich frage mich, woher die die Zeit nahmen.»

                      Nietzsche war nicht gesund genug, um seine Professur in Basel weiterzuführen. Er lebte lange in einem kleinen Haus in Sils/Maria im Engadin und hatte viel Zeit zum Lesen und Denken.

                      Wie Sahra Wagenknecht heutzutage 8 Stunden am Tag liest, ist mir unklar.

                      Die ARD hat übrigens den Schuss mit dem neuen Logo der Linken nicht gehört. Die berichten im Morgenmagazin über die Auflösung der Fraktion und zeigen das alte Logo.

                    • Heute wird das bei S. Wagenknecht wohl nicht mehr gehen. Da ging’s – glaube ich zumindest – um frueher, als die Linke noch PDS, der Oskar noch SPD war und Wagenknecht noch fuer die antideutsche «konkret» ueber die schoenen Seiten der untergegangenen DDR schrieb.

                      Ja, bei Nietzsche liesse es sich da erklaeren, aber es waren noch einige andere Beispiele (naja vielleicht warn’s Schriftsteller). Schade, dass ich den Artikel nicht mehr finde, obwohl «Freitag»… Da geht vielleicht noch was.

                      Heute wird das bei S. Wagenknecht wohl nicht mehr gehen. Da ging’s glaube ich zumindest um frueher, als die Linke noch PDS war und Wagenknecht noch fuer die antideutsche «konkret» schrieb.

                      «…zeigen das alte Logo»

                      Na ich habe den Eindruck, die Partei ist selber nicht so gluecklich mit dem. War wohl nicht der grosse Wurf, denn Werbung dafuer ist mir nicht aufgefallen. Ich haett’s selber wahrsch. nie gemerkt, wenn nicht @ u_S darauf aufmerksam gemacht haette.

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